Die Reise um die Welt (Automatentheater)

  • Ich habe jetzt mit der Suche begonnen.

    Die Millowitsch-Fassung war wohl nicht die erste Bearbeitung dieser Art. Bereits 1875 (der Theaterzettel meiner Sammlung trägt den handschriftlichen Zusatz "26. Juni 1875") wurde am Wiener Automaten-Theater, "k.k. Prater, grosse Zufahrtstrasse 20", Die Reise um die Welt. Grosses Ausstattungsstück in 9 Bildern, dargestellt von 131 Automaten aufgeführt. Ohne Nennung der Autoren und wohl sehr frei nach Jules Verne. Die Hauptpersonen heißen Gustav Baron Springinsfeld und "Gustav Flinserl, sein Diener". Einige der Etappen sind identisch mit Foggs Reise, außerdem zeigt das 8. Bild Schneesturm und "Eispressungen" sowie eine Eisbärenjagd "Im Eismeere".

    "Sämmtliche Automaten und Figuren, sowie die ganze mechanische Theater-Einrichtung neu angefertigt von Karl Sanonner & Sohn."

    Der Zettel ist abgebildet im Bulletin de la Société Jules Verne Nr. 198, Mai 2019, S. 40.

    „Automat“ oder „Automate“ war ja ein Begriff für mechanische Puppen, siehe z. B. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Automate

    Im Illustrirten Wiener Extrablatt werden frühere Automatentheater (d. h. vor 1875) beschrieben. Unter den Automaten sollen auch Seiltänzer, Kunstreiter etc. gewesen sein, da fragt man sich, wie das wohl funktioniert haben soll: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/an…-search&seite=4

    Die erste Aufführung der automatischen Reise um die Welt fand wohl am 17. Juni 1875 statt. Da ist die Information enthalten, dass die Automaten nicht automatisch funktionierten: „Die in der Verſenkung verſteckten wirklichen Darſteller leiſteten ganz Hübſches“ https://anno.onb.ac.at/cgi-content/an…-search&seite=4

    Mal schauen, was sich noch finden lässt.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Oberbegriffe sind anscheinend „Figurentheater“ und „Puppentheater“. Bei Wikipedia habe ich nicht viel dazu gefunden, der deutsche Artikel zum Puppentheater gibt nicht viel her, der englische ist ausführlicher, aber da steht wohl nichts über ein „Automatentheater“. Immerhin erfährt man, dass Haydn und einige andere sogar ganze Opern für Marionettentheater komponiert haben.

    Der Name Tschuggmall, der in einigen Treffern auftaucht, so auch im Illustrirten Wiener Extrablatt (s. o.), führt zu mehr Erkenntnissen bzgl. des Automatentheaters. Bei Wikipedia wird auf Figuren hingewiesen, die erhalten geblieben sind und im Lager des Münchner Stadtmuseums aufbewahrt werden. Mit ein bisschen Rumsuchen findet man: https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/liste/alben/sc…matenkabinett-9

    Unter den Automaten sollen auch Seiltänzer, Kunstreiter etc. gewesen sein, da fragt man sich, wie das wohl funktioniert haben soll

    Da ist sogar ein Bild einer Figur mit Kunstreitern dabei, aber wie die bewegt wurden, kann man höchstens erahnen:

    Quelle: https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/objekt/figur-z…id=9&backPid=10

    Nautron respoc lorni virch.

  • Zu den „Eispressungen“ findet man bei ANNO für den Zeitraum um 1875 sehr viele Treffer – es gab damals eine öst.-ung. Nordpolexpedition. Das Packeis packte und drückte die Schiffe, hier einer der Treffer (Pester Lloyd) : https://anno.onb.ac.at/cgi-content/an…ref=anno-search

    Das Automatentheaterstück griff also ein damals aktuelles Thema auf. Im Neuen Wiener Tagblatt erschien eine humoristische Rezi, wo auch die Eispressungen erwähnt werden: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/an…ref=anno-search

    In der Rezi wird die Primadonna gelobt, wohingegen die Primaballerina „in Krämpfe und Zuckungen“ verfiel.

    Sie hat sich dabei den Fuß gebrochen, aber in der Neuen Freien Presse wurde berichtet, dass sie, „als sie von jenem bedauerlichen Unfalle betroffen wurde, keine Miene verzog und trotz des gewiß heftigen Drahtgliederſchmerzes und Holzkopfwehs heroiſch jeden Schrei unterdrückte.“
    https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=18750627&query=%22automaten-theater%22&ref=anno-search&seite=6
    Sie ist auch vom Unfall wiedergenesen und tritt wieder auf, laut Brief der Theaterleitung an die Zeitung.

    Und noch ein letzter Link, auch in der Wiener Sonn- und Montagszeitung erschien eine humoristische Rezi: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/an…-search&seite=3

    Nautron respoc lorni virch.