- Official Post
Klassiker als Graphic Novels
Graphic Novels: Mehr als Comics in Buchform
Graphic Novels sind eine Kunstform, die besonders Jugendliche anspricht. Illustriert erhalten die Meisterwerke von Jane Austen, Jules Verne und J.R.R. Tolkien eine neue Dimension.
![]()
Graphic Novels werden verkannt, wenn man sie als Comics in Buchform bezeichnet. Denn Graphic Novels laden zum Verweilen ein und führen zur Ganzschrift hin, ohne trivial zu sein. Neben künstlerisch avantgardistischen Werken wie Art Spiegelmans „Maus“ (1986/1991) gibt es auch zugänglichere Graphic Novels, die zudem an traditionellen Werten ausgerichtet sind.
Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ begeistert in der liebenswürdigen Gestaltung von Tara Spruit für das romantische Regency-Zeitalter (1795–1837). Das Vereinigte Königreich dieser Ära ist der Sehnsuchtsort für Konservative: Mode und Architektur sind elegant, die Kunst orientiert sich an antiken Idealen, die Gärten sind perfekt arrangiert und scheinen trotzdem natürlich gewachsen. Das Miteinander ist ungezwungen, aber höflich, Manieren und Anstand drücken gegenseitige Achtung aus, klare Regeln geben Sicherheit. Menschen nehmen sich Zeit füreinander, die Ehe von Mann und Frau gilt nicht nur als normal, sondern wird auch als erstrebenswert und erfüllend angesehen; Konversationen sind feinfühlig und intelligent; man wird nicht durch Medien abgelenkt, kennt keine Hektik, genießt das entschleunigte Leben beim Spaziergang, liebt prunkvolle Bälle und sucht den persönlichen Austausch beim Tee. Die Graphic Novel „Stolz und Vorurteil“ gibt einen lebendigen Einblick in diese schöne alte Welt.
Verne, Lewis und Tolkien
„20 000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne ist ebenfalls ein Buch des 19. Jahrhunderts, allerdings sechzig Jahre später geschrieben, weswegen technische Erfindungen nicht nur eine Rolle spielen, sondern auch kritisch hinterfragt werden. Kapitän Nemo, brillanter Erfinder und melancholischer Eigenbrötler, leidet an den Unvollkommenheiten des erbsündigen Menschen, die in kriegerischen Machtgelüsten sowie den missbräuchlich eingesetzten Errungenschaften der Industriellen Revolution greifbar werden. Die Weite der Ozeane, atemberaubende Unterwasserwelten und Entdeckungen auf fremden Kontinenten setzt Thilo Krapp mit faszinierenden Illustrationen in Szene. Die Nautilus, das luxuriöse U-Boot von Kapitän Nemo, steht als technisches Wunderwerk im Kontrast zu den traditionellen Werten der Protagonisten, wodurch die Balance zwischen Fortschritt und Tradition thematisiert wird. Die Helden leben in einem Spannungsfeld von Exotik, Luxus und Isolation; immer wieder werden ihre Freundschaft und Loyalität auf die Probe gestellt.
Etwas weniger einfühlsam als die ersten beiden Bücher wurde „Der Hobbit“ ins Bild gesetzt. Dennoch ist das Werk als die einzige Graphic Novel, die eine Geschichte von Tolkiens Mittelerde erzählt, die Beachtung wert. Als Vorgänger von „Der Herr der Ringe“ gehört die Erzählung über Bilbo Beutlins Reise zur Pflichtlektüre des abendländischen Lesekanons. Lange vor den Filmen Peter Jacksons machte David Wenzel das Auenland, das Nebelgebirge und den Düsterwald anschaulich. Germanische Sagenfiguren agieren hier mit Witz und nobler Geste, mal forsch, mal demütig, stets in Treue für ihre Freunde einstehend, gemeinsam allen Gefahren trotzend und letztlich ihrem Gewissen folgend.
Leider nur in englischer Sprache erhältlich ist „The Mythmakers“ von John Hendrix, ein visuell und inhaltlich atemberaubendes Buch der Extraklasse, das statt einer literarischen Vorlage die Freundschaft zwischen C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien zum Inhalt hat: ein durch und durch christliches Werk, welches verschiedene Gestaltungsoptionen nutzt, um die biographische Ebene von der literaturwissenschaftlichen und theologischen zu unterscheiden. Lewis revertierte durch Tolkien zum Christentum. Beide waren getragen von der Freude an Mythen, ergänzten sich wechselseitig durch ihre universitäre Forschung, beschenkten einander durch ihre Phantasie, bereicherten ihren Glaubensweg. Niemals kann eine Freundschaft tiefer gründen als in der Sehnsucht nach Gott. „The Mythmakers“ motiviert, begeistert, inspiriert – und rührt zu Tränen.
Der Rezensent (1969) ist Schulleiter, Buchautor und Vater von sieben Homeschool-Kindern.
Claudia Kühn und Tara Spruit: Stolz und Vorurteil. Die Graphic Novel nach Jane Austen, Bindlach: Loewe Verlag, 2024, 256 Seiten, gebunden, EUR 24,–
Thilo Krapp: 20 000 Meilen unter dem Meer nach Jules Verne, Hamburg: Carlsen, 2022, 256 Seiten, gebunden, EUR 26,–
David Wenzel und Charles Dixon: Der Hobbit von J.R.R. Tolkien, Hamburg: Carlsen, 2012, 144 Seiten, gebunden, EUR 24,90 (derzeit nur antiquarisch erhältlich).
John Hendrix: The Mythmakers: The Remarkable Fellowship of C.S. Lewis & J.R.R. Tolkien, London: Abrams & Chronicle Books, 2024, 217 Seiten, gebunden, EUR 15,99
Quelle: https://www.die-tagespost.de/kultur/literat…form-art-265135