„In der Winnetou-Debatte waren die Leute außer sich vor Wut“

  • Skandal-Forscher über Kunst-Konflikte

    „In der Winnetou-Debatte waren die Leute außer sich vor Wut“

    Johannes Franzen erforscht, warum wir heute so heftig und emotional über Kultur und Geschmack streiten.

    Darf man Helden der Kindheit kritisieren? Alexander Klaws als Winnetou bei den Karl May Spielen in Bad SegebergFoto: David Hammersen/dpa

    Interview von Robert Matthies

    taz: Herr Franzen, warum fühlen sich viele Menschen so angegriffen, wenn man ihre Lieblingsfilme kritisiert?

    Johannes Franzen: Zum einen, weil es sich um eine soziale Verletzung handelt. Wir fühlen uns herabgesetzt von der anderen Person, die uns angreift, oder von der Institution, die unseren Geschmack abwertet, weil darin immer der Satz zum Ausdruck kommt: Ich bin etwas Besseres als du. Aber es ist auch eine emotionale Verletzung, weil wir über die Filme oder Bücher, die wir lieben, eine Geschichte darüber erzählen, wer wir wirklich sind. Man hat vielleicht bei einem Film geweint oder sich bei einem Song das erste Mal geküsst. Und dann kommt jemand und sagt: Das ist Kitsch, das ist schlecht, das ist vielleicht sogar politisch problematisch. Das ist eine Verletzung, die nicht nur unsere soziale Identität betrifft, sondern auch unsere Seele, könnte man sagen, also eine Identität, die darüber weit hinausgeht.

    taz: Erbittert geführte Streitigkeiten über Geschmack gibt es nicht erst seit ein paar Jahren. Sie nennen als Beispiel die Astor Place ­Riots in New York 1849, wo es über 25 Tote gab – wegen eines Theaterstücks. Was ist heute anders?

    Franzen: Streit über Kunst gibt es, seit es Kunst gibt. Mich interessieren an der Gegenwart im Wesentlichen zwei Dinge: Zum einen ist die Unterscheidung, also die Hierarchie zwischen Populärkultur und Hochkultur, endgültig zusammengebrochen. Das erzeugt neue Konflikte, die auf eine besonders heftige Art eskalieren, weil es diese Schranken nicht mehr so gibt.

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    Bild: Marion Koell

    Im Interview: Johannes Franzen

    geboren 1984, ist Literaturwissenschaftler am Germanistischen Institut der Universität Mannheim. Er ist Mitbegründer und -herausgeber des Online-Feuilletons „54books“ und schreibt den Newsletter „Kultur und Kontroverse“.

    taz: Und zum anderen die Digitalisierung?

    Franzen: Genau, die ist quasi eine Goldgrube für Kulturwissenschaftler, die sich mit Konflikten beschäftigen, weil alle alles ins Internet schreien. Das ist für viele Menschen unangenehm, ich als Wissenschaftler reibe mir aber die Hände, wenn es besonders kracht. Die ­Digitalisierung hat die Konflikte aber nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch verstärkt, weil sie diesen Schub an Teilhabe am ästhetischen Diskurs mit sich bringt, die zu neuen Machtverhältnissen und zu neuen Konflikten führt.

    taz: Warum wird es heute oft besonders heftig, wenn Debatten auch nostalgisch sind, wenn das Neue mit dem geliebten Alten kollidiert, wenn zum Beispiel Winnetou oder alte Kinderbücher kritisiert werden?

    Franzen: Es gibt in der modernen Kulturgeschichte die Forderung, dass Kunst von politischen Begehrlichkeiten frei sein muss, also autonom. Das war zwar als Idee sehr produktiv, funktioniert aber natürlich nicht, und Debatten wie die Winnetou-Debatte zeigen, dass es gesellschaftliche Reizthemen sind, weil Menschen diese Dinge wirklich wichtig sind. Wenn man plötzlich den Eindruck hat, mir werden meine Winnetou-Bücher weggenommen, sogar die Erinnerung daran wird verschmutzt durch den Vorwurf des Rassismus, dann ist das für viele eine existenzielle Erfahrung. Ich habe mir Tausende von Onlinekommentaren zu dieser Debatte angeschaut: Die Leute waren außer sich vor Wut. Es gibt einen Kommentar, den fand ich besonders eindrücklich: Ihr lasst doch nichts heil an unserer Kindheit.

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    Lesung und Gespräch in Hamburg

    Johannes Franzen spricht mit Nicole Seifert und Till Raether über sein Buch „Wut und Wertung“ (S. Fischer, 432 S., 26 Euro, E-Book): Do, 9. 7. 19.30 Uhr, Literaturhaus Hamburg

    taz: Wie können wir denn über Geschmack streiten, ohne dass sich gleich jemand beleidigt fühlt und alles ganz schnell eskaliert?

    Franzen: Mir war wichtig, kein Buch darüber zu schreiben, wie wir besser streiten. Davon gibt es schon einen ganzen Stapel, da wollte ich nicht noch ein weiteres drauflegen. Aber man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, was produktive und gute Debatten und Konflikte sind und was eher nicht. Das kennt man ja auch aus dem eigenen Alltag. Ich glaube, dass es wichtig ist, bei der Sache zu bleiben, wenn man über Kunst und Kultur streitet. Dass man also nicht zum Beispiel über die Frage streitet, ob man noch rassistische Witze machen darf. Zum anderen ist es wichtig, ­anzuerkennen, dass es ein Verletzungspotenzial gibt. Man sollte diese Debatten nicht deswegen vermeiden, aber auf eine Weise führen, die anerkennt, dass andere Personen verletzt sein können, wenn man ein starkes Urteil äußert. Und dass sie vielleicht gleich diese Verletzung thematisieren.

    Quelle: https://taz.de/Skandal-Forsch…kte/%216096025/