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Filmkritik
Radu Judes KI-Schmonzette "Dracula": Vampirjagd mit Potenzproblemen
In Locarno feierte am Sonntag das neue Werk des derzeit angesagtesten rumänischen Regisseurs Premiere – eine künstlich intelligente Rückkehr nach Transsilvanien
Jakob Thaller aus Locarno
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"Dracula" ist in der Version von Radu Jude ein verspielter Fleckerlteppich, der alle Vampirgeschichten auf einmal erzählt. Saga Film, Nabis Filmgroup, PTD, Samsa, MicroFilm 2025
Draculas Heimkehr nach Transsilvanien hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Zwar gibt es nebelverhangene Burgen und flatternde Fledermäuse – doch diese sind billigst digital generiert. Regisseur Radu Jude lässt zum Auftakt eine Horde quietschbunter KI-Figuren auftreten, die alle dasselbe verkünden: "I am Vlad the Impaler, and you can all suck my cock." Es folgen 170 Minuten, in denen der gefeierte rumänische Filmemacher weder Traditionen noch Konventionen bedienen will.
Wie verfilmt man einen Stoff, der schon dutzende Male umgesetzt wurde? In der österreichischen Koproduktion Dracula, die ihre Premiere beim Filmfestival Locarno feierte, verkörpert Adonis Tanta einen fiktiven Regisseur im Bademantel, der sich genau diese Frage stellt. Gemütlich sitzt er mit seinem iPad auf der Metaebene, spricht mit uns durch die vierte Wand und füttert die KI mit Ideen, die für ihn seine Version von Dracula erdenken soll. Die greifbarste dieser Geschichten spielt in der Gegenwart und handelt von einem Restaurant in Transsilvanien, in dem für grölende Touristen recht amateurhaft interaktive Dracula-Stücke aufgeführt werden.
Ein überladenes Spektakel
Auch Sex mit dem Grafen ist dort käuflich zu erwerben. Nur agiert der in die Jahre gekommene Darsteller recht blutlos, das erzürnt so manche willige Interessentin – und sowieso geht es am Ende des Abends mehr um eines: den Vampir mit einem Holzpflock zu durchbohren. Radu Jude spart nicht mit Bezügen zur aktuellen geopolitischen Lage, wenn die Touristen über das Aufspießen fantasieren, dann vergleichen sie das begeistert mit dem, was gerade in der Ukraine passiert: Die Wagner-Gruppe sei eine tolle Truppe, findet einer.
Die 14 Kapitel, in die Radu Judes Streifzug durch den Vampirmythos gegliedert ist, reichen von radikal politisch bis radikal dumm. Man sieht Bäume, an denen Penisse wachsen, sowieso sehr viele Darstellungen männlicher und weiblicher Sexualität, Zombies, Zahnschmerzen und einen Zahnarzt namens Dr. Caligari, wahre Liebe, Kapitalismuskritik und eine rumänische Longevity-Klinik, die ihre Kunden aussaugt. Neben Nosferatu (1922) und Bram Stokers Dracula (1992) von Francis Ford Coppola wird mit dem österreichischen Schauspieler Lukas Miko in einem 50-minütigen Einschub auch die Geschichte von Vampirul (1938) erzählt, dem ersten Vampirroman Rumäniens.
Das ist so überladen, wie es klingt – und sieht auch so aus. Vieles wurde nur mit einem iPhone gefilmt. Dracula fühlt sich an, als hätte man zu viele Tabs im Browser auf einmal offen, als würde man unter dem Einfluss narrischer Schwammerln durch Tiktok scrollen. Jede Sekunde passiert etwas Neues, Fenster in digitale Welten öffnen sich und schließen sich wieder, flimmernde KI-Bilder verschmelzen mit verzerrten Sounds zu einem Strudel aus Popkultur, reichlich Fellatio und rumänischer Identität. Der Strom aus Assoziationen, mit dem Radu Jude das Bewusstsein seiner Zuschauer flutet, reißt einen manchmal mit – erschöpft jedoch viel öfter.
Postmoderne Beliebigkeit
Wollte er genau das erreichen? Macht sich Radu Jude in seinem KI-Experiment über uns alle – und am meisten über sich selbst – lustig? Indem er den fiktiven Regisseur auftreten lässt, der ganz offen zugibt, dass er die Geschichten nur ohne Herzblut hinrotzt, versucht er den Vorwurf der mangelnden Mühe selbstironisch vorwegzunehmen. Doch hinter dieser postmodernen Beliebigkeit verbergen sich oft genug Ideen, die es wert gewesen wären, weiterverfolgt zu werden.
Man möchte mehr darüber wissen, warum der historische Vlad III., besser bekannt als Vlad der Pfähler, heute eine Ikone der rumänischen Rechten ist. Stattdessen wundert er sich, warum sein einstiger Wohnsitz inzwischen eine Touristenattraktion ist. Ursprünglich hätte der Film Dracula Park heißen sollen, in Anlehnung an eine kontroverse Idee der rumänischen Regierung, die nie umgesetzt wurde: eine Art Disneyland über den Vampirmythos. Auserzählt wird das nicht.
Radu Jude serviert stattdessen alle Dracula-Geschichten auf einmal und verliert sich dabei in seinem eigenen Potenzial. Sein Film funktioniert wie ein Buffet, das ganz unterschiedliche Qualität bietet. Man kann sich daraus bedienen – aber auch manches liegen lassen. (Jakob Thaller aus Locarno, 11.8.2025)
Der österreichische Kinostart ist für Ende 2025 geplant.
Quelle: https://www.derstandard.de/story/30000002…potenzproblemen