- Official Post
![]()
Illustration von Jules Vernes Abenteuerromanen, die zur Manie der Weltreisen beigetragen haben. Vielleicht haben sie auch Heinrich Schiffmann inspiriert?Bild: Bibliothèque nationale de France
Wie ein Schweizer ärztlich verordnet auf Weltreise ging
Heinrich Schiffmann (1872–1904) war ein leidenschaftlicher Reisender und umrundete zweimal den Globus. Merkwürdigerweise sollen ihm diese monatelangen Reisen von seinen Ärzten verordnet worden sein. Die Spur des Schweizer Globetrotters führt uns mitten hinein in eine regelrechte Manie: die Faszination für Weltreisen.
"Hier auf dem Schiff ist es sehr langweilig [...]. Die Kabinen sind sehr klein und die Betten hart, das Essen ist sehr ärmlich und schlecht; seit wir von San Francisco weg sind, also seit dem 28. Januar, haben wir kein frisches Fleisch noch frisches Wasser eingenommen.» Schlechtes Essen, stehendes Wasser und eine unbequeme Pritsche: Der Brief, versendet im Februar 1898 aus El Salvador, lässt nicht erahnen, dass er vom 26-jährigen, wohlhabenden Schweizer Heinrich Schiffmann stammt. Noch überraschender ist, dass die spartanischen Bedingungen dieser langen Reise auf einem Ozeandampfer weder durch Arbeit noch durch eine andere Notwendigkeit erzwungen waren.
![]()
Porträt von Heinrich Schiffmann in Beduinenkleidung, 1898.Bild: ROTH-Stiftung Burgdorf
Der gebürtige Burgdorfer reiste zum Vergnügen, was ihn viel Geld kostete. Wie Tausende seiner Zeitgenossen war der junge Schweizer auf der Suche nach dem Sehnsuchtsziel des Tourismus am Ende des 19. Jahrhunderts: eine Reise um die Welt. Diese startete einige Monate zuvor im Oktober 1897. Von Marseille aus durchquerte Schiffmann den berühmten Suezkanal, legte in Ceylon an, besuchte mehrere Häfen in Südostasien (Singapur, Saigon, Hongkong, Shanghai) und Japan und reiste dann über Hawaii nach San Francisco. Einige Wochen später kehrte er über Mittelamerika an seinen Ausgangspunkt zurück, nachdem er mit dem Zug die Landenge von Panama überquert hatte. Der Kanal war zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchbrochen.
![]()
Die Route der ersten Weltreise von Heinrich Schiffmann. Bild: Museum Schloss Burgdorf, Ethnologische Sammlung, ES-F-14305
Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war der Wendepunkt, an dem eine Reise um den Globus nicht mehr nur ein gefährliches Unterfangen war. Die Erde war vermessen, kartographiert und durchzogen von einem immer dichteren Netz aus Eisenbahnlinien, Dampfschiffen und Telegrafen. Die Welt wurde zum Spielplatz einer neuen Kategorie von Reisenden. Deren Vorbild war Phileas Fogg, der Held von Jules Vernes berühmtem Buch «Reise um die Welt in 80 Tagen» aus dem Jahr 1872. Der Roman widerspiegelt den technologischen Fortschritt jener Zeit durch den Siegeszug der Dampfkraft und die, für den Westen günstige, geopolitische Situation, geprägt von Imperialismus und Kolonialisierung.
Eine Weltreise zu unternehmen, entwickelte sich zu einer regelrechten Manie des Fin de siècle. Dank Romanen, Fotografien, Plakate, Ausstellungsinstallationen und Brettspiele wurde die Weltreise zu einem allgegenwärtigen Motiv in der Populärkultur. Die Erfüllung des kollektiven Reisetraums blieb aber den Wohlhabenden vorbehalten.
![]()
Plakat für das Stück «Round the World» im Empire Theatre in London, 1885.Bild: gallica / Bibliothèque nationale de France