Die Hochzeit des Herrn Anselme des Tilleuls

  • Hallo,

    der Jules-Verne-Club ist ja seit Jahren daran (bzw. vor Jahren daran gewesen) den bislang in deutscher Sprache nicht verfügbaren Text der Hochzeit des Herrn Anselme des Tilleuls in Übersetzung zu realisieren ...

    Dieser Text Vernes gehört allen Fachkundigen nach zu den anspruchsvollsten und schwersten von Jules Verne, und dem Club ist es trotz mehrerer Anläufe und langen Zeiträumen wie auch starkem Eigenengagement nicht gelungen, für eine literarisch akzeptable Übersetzung einen Übersetzer zu gewinnen.

    Die Schwierigkeit des Textes liegt nicht allein in der hohen Anzahl französisch-schul-lateinischer Inhalte aus der Epoche der Niederschrift, die spezielle Kenntnisse erfordern, sondern vor allem in der umfassenden Anzahl an zeitgenössischen Schüler-Sprichwort - Verballhornungen und Uminterpretationen, basierend auf dem religiösen - geschichtlichen - und zu guter Letzt auch noch zeitgenössischer bretonisch- nantaiser Schüler-Sprachwitze bzw. vor allem Anspielungen, Wortspielen und Querverweisen zu Dingen des schulischen Lehrstoffes jener Zeit, die auch dem heutigen Franzosen meist nicht nachvollziehbar sind.

    D.h. wir haben zwar etwa das erste Drittel des Textes in einer literarisch akzeptablen Fassung selbst als Entwurf vorliegen, wir haben aber davon abgesehen, eine Vervollständigung des Übersetzungsentwurfs "durchzuprügeln", denn wie V. Dehs uns sagte: Dieser Text muss von Beginn an und vollständig von einer gewillten, sach- und sprachkundigen Person eigenständig übersetzt werden (welche erst einmal gefunden werden muss), um dann hoffentlich einem literarischen Anspruch gerecht zu werden ... Der Club ist in der Frage einer entsprechend ausgearbeiteten Übersetzung jedoch weiterhin am Ball ...

    Der allerseits bekannte Thomas Ostwald wird nunmehr in Kürze eine Übersetzung dieses Textes herausgeben. Zwar sind die lateinischen Elemente des Textes durch einen kundigen Lateinlehrer überprüft und übersetzt, aber die besonderen Eigenschaften des Textes, wie vorher beschrieben, wurden dabei nicht in Betracht gezogen - nach eigener Aussage von T.O. genügt diese Ausgabe diesen Ansprüchen nicht, eine Behandlung entsprechender zahlreicher Problemstellen ist nicht erfolgt.

    D.h. diese Übersetzung wird höchstwahrscheinlich lediglich den erzählerischen Inhalt der Novelle wiedergeben und somit dem interessierten Leser die Erzählung inhaltlich vermitteln, aber die den Text kennzeichnenden speziellen Elemente (die den Wert dieses Textes ausmachen) nur ansatzweise, nicht oder gar falsch übertragen beinhalten, von nötigen sekundärliterarischen Erläuterungen mal ganz abgesehen. Genaueres kann erst nach Vorlage des Textes gesagt werden.

    Wer trotzdem daran interessiert ist, diese zumindest inhaltlich - erzählerisch einen Eindruck gebende Ausgabe sich zuzulegen, der Band sollte bis Monatsende online erwerbbar sein: ISBN 9783565058358, für 10,-- €. Inzwischen bei amazon gelistet, jedoch aktuell noch nicht bestellbar.

    B.

    :seemann: :baer:

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    I love you, you love me, ja wo lawe ma denn hi??

  • Der Club ist in der Frage einer entsprechend ausgearbeiteten Übersetzung jedoch weiterhin am Ball ...

    Die Aufgabe würde mich auch reizen, aber angesichts des wohl sehr hohen Zeitaufwands hat es auch seine Vorteile, wenn ihr da jemand anders beauftragt. Ich hab noch ein paar andere angefangene Projekte, da würde es auch noch eine Weile dauern, bis ich das in Angriff nehmen könnte.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Ich erinnere Dich daran, dass Du einer der wenigsten warst, die bei entsprechender zeitlicher Einräumung einen Versuch wagen wollen würdest ...

    :seemann: :baer:

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  • Irgendwie war die Erörterung im Sande verlaufen, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht. Hat aber wie schon gesagt auch seine Vorteile. Falls aber die anderen wenigen abspringen sollten, könnten wir die Erörterung noch mal aufnehmen. Noch interessanter wäre natürlich der Priester im Jahre 1835/39. Ist einerseits ein noch dickeres Brett, andererseits müsste man sich da nicht so viel mit Latein rumschlagen.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Als jemand, dessen Schulfranzösisch nicht ausreichend ist, um Verne im Original zu lesen, bin ich natürlich dankbar über jede Übersetzung von noch nicht übersetzten Texten.

    Andererseits wäre es natürlich sehr schade, wenn eine "Light"-Übersetzung (ohne die von Thomas Ostwald angekündigte Ausgabe damit herabsetzen zu wollen, sondern das "Light" bezieht sich nur darauf, dass die eigentliche Herausforderung der "Hochzeit" bei dieser Übersetzung umschifft wurde) am Ende dafür sorgen würde, dass eine sich den ganzen Schwierigkeiten des Textes stellende Übersetzung dann nicht mehr kommt. (Es könnte natürlich aber auch sein, dass sie im Gegenteil ein Anreiz dafür wird, sich dem "Problem" nochmal zu stellen?)

    Beim Thema Übersetzungen kann ich mich (aus dem eingangs genannten Grund) leider nur in der Rolle als "Zaungast" beteiligen. Aber eine Sammelband-Clubausgabe von "Hochzeit" und "Priester" (vielleicht ergänzt von weiteren Erstübersetzungen, die in den "Nautilus"-Ausgaben enthalten waren) in der Aufmachung von "Cynthia" und "Der Weg nach Frankreich" hätte schon was.

  • Als jemand, dessen Schulfranzösisch nicht ausreichend ist, um Verne im Original zu lesen, bin ich natürlich dankbar über jede Übersetzung von noch nicht übersetzten Texten.

    Andererseits wäre es natürlich sehr schade, wenn eine "Light"-Übersetzung (ohne die von Thomas Ostwald angekündigte Ausgabe damit herabsetzen zu wollen, sondern das "Light" bezieht sich nur darauf, dass die eigentliche Herausforderung der "Hochzeit" bei dieser Übersetzung umschifft wurde) am Ende dafür sorgen würde, dass eine sich den ganzen Schwierigkeiten des Textes stellende Übersetzung dann nicht mehr kommt. (Es könnte natürlich aber auch sein, dass sie im Gegenteil ein Anreiz dafür wird, sich dem "Problem" nochmal zu stellen?)

    Beim Thema Übersetzungen kann ich mich (aus dem eingangs genannten Grund) leider nur in der Rolle als "Zaungast" beteiligen. Aber eine Sammelband-Clubausgabe von "Hochzeit" und "Priester" (vielleicht ergänzt von weiteren Erstübersetzungen, die in den "Nautilus"-Ausgaben enthalten waren) in der Aufmachung von "Cynthia" und "Der Weg nach Frankreich" hätte schon was.

    Ich glaube nicht, dass Ostwalds Ausgabe Einfluss auf die Realisierung einer "literarisch guten" Übersetzung hat - es sei denn seine Ausgabe ist doch so gut ins Deutsche übertragen, dass ein Perfektionsanspruch fallen gelassen werden kann...

    Vieles der Erstübersetzungen in der Nautilus ist ja inzwischen auch bei Dornbrunnen erschienen, ob da eine Club-Buchausgabe für Sinn macht, halte ich für fraglich. Natürlich könnte man das, was anderweitig noch nicht wieder verwertet wurde, in einer entsprechenden Buchausgabe an bspw. den Anselme des Tilleuls anhängen. Der Priester ist an sich so umfangreich, dass er als eigenständiger Buchband erscheinen könnte.

    Eine Aufmachung identisch zum Weg nach F. und Cynthia dürfte inzwischen nicht mehr finanzierbar sein. Bereits Cynthia war um ein erhebliches teurer als der W.n.F. - teils natürlich auch wegen der größeren Seitenzahl und erhöhten Anzahl farbiger Seiten, aber auch bereits in dem manufakturischen Einbandteil, und dürfte inzwischen in den Bereich des "das zahlt (fast) keiner mehr" angelangt sein. Ich würde da dann eher zu der Aufmachung des Mrs. Branican - Bandes gehen, denn ich ja in Eigenregie gemacht hatte ...

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  • btw: Die Coverillustration von T. Ostwalds Ausgabe (sicherlich KI-generiert) finde ich ausgesprochen gelungen. Zwar wirkt mir der Lateinlehrer-Mentor fast etwas zu bürgerlich-bieder, aber der geistig minderbemittelte Anselme ist gut getroffen ...

    :seemann: :baer:

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  • Ja, die Kosten sind bei der Buchproduktion wirklich ärgerlich stark angestiegen. Aber auch eine Ausgabe wie der "Branican"-Band wäre schön, wenn das Thema einer Club-Übersetzung von "Hochzeit" und/oder "Priester" realisiert werden könnte.

  • Der Anfang ist gemacht. Kann aber seeeehr lange dauern, bis ich damit fertig bin. Vielleicht ist jemand anders wieder schneller.

    Ein Priester im Jahre 1835

    1. Kapitel

    Sankt Nikolaus, eine alte Kirche in Nantes. Unheilvolle Fastenpredigt, wo der angekündigte Prediger ausbleibt. Wundersame Rettung einer jungen Frau. Erscheinen einer Zaubrerin.

    Am Abend des 12. März im Jahr der Gnade 1839 rief die gesprungene Glocke der alten Kirche des Heiligen Nikolaus die Gläubigen zur Fastenpredigt.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Wer trotzdem daran interessiert ist, diese zumindest inhaltlich - erzählerisch einen Eindruck gebende Ausgabe sich zuzulegen, der Band sollte bis Monatsende online erwerbbar sein: ISBN 9783565058358, für 10,-- €. Inzwischen bei amazon gelistet, jedoch aktuell noch nicht bestellbar.

    Vor ein paar Tagen bei Thalia bestellt. Da stand, dass es am 29. verschickt werden soll. Jetzt ist aber die Meldung gekommen, dass es heute schon abgeschickt wurde.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Ich hatte gestern aus Neugier auch noch was nachgeschaut und mit der ISBN gegoogelt. Bei Thalia steht immer noch „In Kürze verfügbar“ statt „lieferbar“. Aber egal, Google hat als eines der Suchergebnisse die Seite des Buches auf epubli ausgespuckt, und da ist auch eine Leseprobe … die leider Übles ahnen lässt. Ein Übersetzer ist nur für die lateinischen Zitate angegeben, den Rest hat – nach der (mangelnden) Qualität der Übersetzung zu urteilen – wohl ein Herr Kühnfried Intelligenzbolzen oder so ähnlich übernommen, Namenskürzel: KI.

    Die Hochzeit des Herrn Anselme des Tilleuls von Julius G. Verne - Buch - epubli

    Hm, heute kann ich nicht mehr blättern in der Vorschau, keine Ahnung, was da los ist.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Hm, heute kann ich nicht mehr blättern in der Vorschau, keine Ahnung, was da los ist.

    Ich hatte gestern auf einem Tablet gesurft, und hab es jetzt noch mal getestet, und man kann blättern, indem man wischt. Also, falls ihr euch das schon mal anschauen wollt und es geht auf dem PC nicht, dann versucht es mal mit einem Mobilgerät.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Irgendwie macht mich alles kopfschüttelnd. Wenn sich schon jemand die Mühe macht, so etwas zu produzieren, dann sollte er dazu stehen. Autorenangabe: „Julius Gerard Verne ist ein entfernter Verwandter des Schriftstellers Jules Verne und verwendet anstelle seines eigentlichen Vornamens die deutsche Schreibweise Julius. Er hat einst die Logbücher Kapitän Nemos durch den Harpunier Ned Land erhalten und bearbeitet, um sie zu veröffentlichen.“ (zitiert von der Verlagsseite).

    Aber vielleicht schämt er sich auch für das Produkt…

  • Ja, das mit dem Namen ist merkwürdig. Den hatte Ostwald wohl als Pseudonym für seine Pastiches verwendet, die „Logbücher Kapitän Nemos“. Beim Anselme ist es vielleicht ein Versehen, dass es unter dem Pseudonym gelistet ist. Auf dem abgebildeten Cover steht ja korrekt Jules Verne als Autor.

    Nautron respoc lorni virch.

  • Ich erhalte das Buch erst frühestens Samstag, habe mir aber eben die dürftigen zwei Seiten Text bei epubli angesehen. Man kann anhand von diesen m.E. noch nicht sagen, ob hier eine KI bzw. eine reine KI-Übersetzung gegeben ist bzw. wie stark ggf. eine KI-Übersetzung überarbeitet verwendet wurde. Allerdings befremden schon in der Formulierung / Satzstellung einige Stellen, und die "Qualität" der Übersetzung erscheint auf Grund einiger weniger festzumachender Punkte auch nicht wirklich dem Original entsprechend bzw. zu allgemein Wort-für-Wort übersetzt zu sein.

    Das die Ausgabe aber weder einem literarischen Anspruch noch den Besonderheiten, die ihn im Original kennzeichnen, gerecht wird, dass hat TO mir gegenüber schon geantwortet...

    Mal sehen wie es aussieht, wenn ich das Buch an sich in der Hand habe und verglichen habe ...

    :seemann: :baer:

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  • Mein Exemplar ist nach kurzer Bestellzeit von drei Tagen heute eingetroffen. Ich kann nur abraten vom Kauf und rege an, die 10 Euro anderweitig besser anzulegen, vielleicht für einen guten Zweck zu spenden, - es sei denn, man sammelt Kuriositäten sprachlichen Unvermögens. Dass Anspielungen und Wortspiele in dieser Ausgabe nicht adäquat übersetzt werden, war zu erwarten, aber die Wort-zu-Wort-Übersetzerei erfasst nicht einmal geläufige Ausdrücke, die keine besonderen Anforderungen stellen. So heißt es beispielsweise auf S. 9:

    Nun gab sich Monsieur Anselme des Tilleuls als Marquis aus, nicht mehr und nicht weniger als Marquis des alten Felsens.

    Welchen "alten Felsens"? Im frz. Original heißt es: "marquis de vieille roche", und das kann man konkret mit "als Marquis von altem Adel" oder etwas freier "von echtem Schrot und Korn" übersetzen.

    Schon der erste Satz übersetzt "l'âge non moins raisonnable que pubère" mit "das nicht weniger vernünftige als pubertierende Alter" (S. 5). So so, was bitte ist ein "pubertierendes Alter"? Es handelt sich um das "heiratsfähige Alter".

    Auf derselben Seite: "Anselme des Tilleuls porträtierte einen blonden jungen Mann, der an Sonnenuntergänge erinnerte." Anselme porträtiert niemanden, sondern er selbst "stellt einen jungen Mann dar, dessen blondes Haar ins Rot der Sonnenuntergänge spielte" oder so ähnlich.

    Vielleicht wirft man ein: Lieber eine schlechte als gar keine Übersetzung. Diese Übersetzung ist aber eine Qual und führt ständig auf falsche Fährten. Eine Inhaltsangabe, die auf die inhaltlichen und stilistischen Besonderheiten dieses literarischen Textes hinweist, ist allemal vorzuziehen und würde ein angemesseneres Bild von dem Text vermitteln. Diese peinliche Veröffentlichung hat den Charme und die sprachliche Sensibilität einer aus dem Japanischen übertragenen Gebrauchsanweisung für Rasierapparate. Zum Fremdschämen!

    volker

    Edited once, last by Volker Dehs (October 30, 2025 at 12:29 AM).

  • Dann ist es doch richtig, was ich vermutete:

    ... Autorenangabe: „Julius Gerard Verne ist ein entfernter Verwandter des Schriftstellers Jules Verne und verwendet anstelle seines eigentlichen Vornamens die deutsche Schreibweise Julius. Er hat einst die Logbücher Kapitän Nemos durch den Harpunier Ned Land erhalten und bearbeitet, um sie zu veröffentlichen.“ (zitiert von der Verlagsseite).

    Aber vielleicht schämt er sich auch für das Produkt…

    Um so unverständlicher, dass man damit in die Öffentlichkeit tritt. Das hätte ich Ostwald nicht zugetraut ...