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Alan Parsons Project: 50 Jahre „Tales of Mystery and Imagination“
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Von Hans Scheuerlein • „Tales of Mystery and Imagination“ ist das Debütalbum des Alan Parsons Projects und erschien vor fünfzig Jahren im Juni 1976. Das legendäre Musikprojekt der beiden Briten Alan Parsons und Eric Woolfson begann mit der Vertonung der makabren Gruselgeschichten von Edgar Allan Poe.
Wenn wir uns als Kinder richtig gruseln wollten, hörten wir die Schallplatte „Edgar Allan Poe – Schauergeschichten“ aus der Europa-Jugendserie an. Darauf befanden sich die beiden Hörspiele „Der Untergang des Hauses Usher“, mit Hans Clarin als Ich-Erzähler und Peter Folken als Sir Roderick Usher, sowie „Froschhüpfers Rache“, erzählt von Hans Paetsch mit weiteren Stimmen von Rudolf Fenner, Hellmut Lange, Horst Stark und Ingrid Andree.
Wir hörten allerdings fast immer nur „Der Untergang des Hauses Usher“, auch wenn Hans Paetsch natürlich ein Garant für spannend erzählte Geschichten war. Dem Produzenten und Regisseur Konrad Halver ist es bei der Schilderung des Besuchs des alten Freundes bei dem ominösen letzten Stammhalter des degenerierten Adelsgeschlechts der Ushers aber besonders gut gelungen, die düstere und unheilvolle Stimmung von Poes Erzählung einzufangen.
Als mir der große Bruder eines Freundes Jahre später das Album „Tales of Mystery and Imagination“ vom Alan Parsons Project vorspielte, hatte ich von Edgar Allan Poe also schon gehört. Obzwar mein Englisch zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen steckte – ich muss um die zwölf Jahre alt gewesen sein –, erkannte ich den Titel „The Fall of the House of Usher“ sofort. Eine ganze Schallplatte mit vertonten Gruselgeschichten – das klang hochspannend.
Woolfson und Parsons
„Tales of Mystery and Imagination“ ist das Debütalbum des Alan Parsons Projects und erschien vor fünfzig Jahren im Juni 1976. Musikbegeisterte Insider wussten damals schon, dass Parsons als Toningenieur bei der legendären Pink-Floyd-Scheibe „The Darkside of the Moon“ mitgewirkt hatte. Als Assistent war er sogar bei den Get-Back-Sessions der Beatles und den Aufnahmen zu ihrem „Abbey Road“-Album dabei gewesen, wo er immerhin die Bandmaschine bedienen durfte.
Es begab sich auch in der Kantine der EMI-Studios in der Londoner Abbey Road, dass Parsons im Jahr 1974 den Manager, Musiker und Songwriter Eric Woolfson kennenlernte. Woolfson, der zu dieser Zeit Carl Douglas („Kung Fu Fighting“) managte, arbeitete gerade an der musikalischen Umsetzung von Werken des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe und sah in Parsons den idealen Partner, um seine Vision sound- und produktionstechnisch umzusetzen.
Woolfson übernahm zudem Parsons Management und verhalf ihm zu weiteren Aufträgen, mit denen der aufstrebende Soundtüftler seine Reputation als Musikproduzent ausbauen und festigen konnte. Dazu gehören das zweite und dritte Album von Steve Harleys Cockney Rebel, inklusive dem Nummer-eins-Hit „Make Me Smile (Come Up and See Me)“, sowie das Debüt von John Miles, auf dem sich mit dem Stück „Music“ auch sein größter Erfolg befindet.
Das Poe-Projekt
Darüber hinaus produzierte Parsons auch Al Stewarts „Year of the Cat“, mit der gleichnamigen Hit-Single, sowie die beiden Alben der schottischen Popband Pilot, aus denen die inzwischen vergessenen Hits „Magic“ und „January“ hervorgingen. Vielleicht, weil Woolfson auch aus Schottland kam, verstanden sie sich mit den schottischen Musikern so gut, dass sie sie für ihr fortan gemeinsames Poe-Projekt verpflichteten.
Noch dazu luden sie die Gastsänger Arthur Brown und John Miles sowie Terry Sylvester von den Hollies zu den Aufnahmen ein und holten sich die Unterstützung des Arrangeurs, Komponisten und Dirigenten Andrew Powell, der die Chöre bei Stücken wie „The Raven“ und „The Cask of Amontillado“ wie auch das Orchester bei dem mehrteiligen Instrumentalstück „The Fall of the House of Usher“ arrangierte und dirigierte.
Damit wären auch schon die Highlights des Albums benannt. „The Raven“ folgt auf den instrumentalen Opener „A Dream Within a Dream“ und ist eines der ersten Musikstücke, bei denen ein Vocoder zum Einsatz kam. Das ist ein ursprünglich aus der militärischen Forschung stammendes elektronisches Gerät, mit dem man natürliche Stimmen verschlüsseln und in ihrer Übertragungsbandbreite verringern kann, um so die Anzahl von Gesprächen über eine einzelne Leitung zu erhöhen.
Roboterstimme und beatle-esker Chorus
Im Bereich der modernen Musik wird ein Vocoder dazu benutzt, eine menschliche Stimme in eine Art Roboterstimme zu verwandeln. Hierzu werden die Tasten des Vocoder-Keyboards gedrückt, während gleichzeitig in ein damit verbundenes Mikrophon gesprochen oder gesungen wird. Werden mehrere Tasten auf einmal gedrückt, kann man einen ganzen Chor von Robotern singen lassen. Man kennt diesen Effekt auch von Kraftwerks „Autobahn“ oder von „Sweet Talkin' Woman“ vom Electric Light Orchestra.
Das von John Miles gesungene „The Cask of Amontillado“ ist vielleicht der schönste Song des Albums, mit einem geradezu beatle-esken Chorus, den Miles und Terry Sylvester im Duett singen. Das Herzstück der Platte ist jedoch die gut fünfzehnminütige Suite „The Fall of the House of Usher“. Sie erstreckt sich fast über die gesamte zweite Seite und setzt sich aus fünf Episoden zusammen.
Am Beginn steht ein klassisches Orchestervorspiel, das von Andrew Powell komponiert wurde und am Ende in Gewittergeräusche übergeht, die im Garten der Abbey-Road-Studios aufgenommen wurden. In den anschließenden Teilen wechseln sich progressive-rockige und klassische Passagen ab, bis das Stück schließlich in einer chaotischen orchestralen Kakophonie endet. Die daran anschließende Ballade „To One in Paradise“ rundet das Album gefällig ab.
Erfolgreicher außerhalb der britischen Heimat
Im Rückblick muss ich sagen, dass es der Musik auf „Tales of Mystery and Imagination“ nur in den seltensten Momenten gelingt, die beklemmende Aura und den fatalen Horror von Poes makabren Phantasien widerzuspiegeln. Alles in allem sind die Kompositionen dann doch zu konventionell gestrickt und klingen gerade auch dort zu harmonisch, wo mehr Dissonanz und Dramatik angebracht gewesen wäre.
Von daher ist dem Musikkritiker Billy Altman vom Rolling Stone zuzustimmen, der schon damals bemängelte, dass die emotionale Spannung dieses bedrohlichen, surrealen Schreckens, der Poes Werken innewohne, nicht in Parsons' und Woolfsons musikalische Interpretationen Eingang gefunden habe. Ungeachtet dessen wurde „Tales of Mystery and Imagination“ insbesondere in Deutschland und den Niederlanden ein großer Erfolg.
In seiner eigenen Heimat war das Alan Parsons Project jedoch nie sonderlich erfolgreich. Nur drei ihrer insgesamt zehn Alben schafften es gerade einmal unter die ersten Dreißig der britischen Hitliste. Hierzulande konnten sich dagegen acht ihrer Alben auf den vorderen Rängen der Album-Charts platzieren; vier davon sogar auf Platz eins. Während der Produktion ihres elften Longplayers kam es schließlich zum Bruch zwischen Woolfson und Parsons.
Mehr Edgar Allan Poe
Immerhin bekamen es die Beiden noch gebacken, die Aufnahmen, die sich dem Werk Sigmund Freuds widmeten, fertigzustellen. Das Ergebnis wurde 1990 unter dem Titel „Freudiana“ von Eric Woolfson veröffentlicht. Zudem brachte Woolfson 2003 das Album „Poe: More Tales of Mystery and Imagination“ heraus und schrieb auf der Grundlage beider Poe-Alben das Bühnenwerk „Edgar Allan Poe: A Musical“. Die Uraufführung fand im November 2003 in den Abbey-Road-Studios statt.
Ein deutsche Version davon wurde von 2009 bis 2011 im Opernhaus Halle aufgeführt. Ende 2009 erlag Eric Woolfson im Alter von 64 Jahren seinem Krebsleiden. Parsons hatte durch seinen Namen natürlich die weitaus besseren Ausgangschancen für seine Solokarriere. Bis dato veröffentlichte er sechs Studioalben und etwa ebenso viele Live-Scheiben. Zudem verstand er es, die alten Aufnahmen durch ein geschicktes Produktmanagement immer wieder neu zu vermarkten.
So veröffentlichte Parsons 1987 einen Remix des ersten Poe-Albums mit gesprochenen Passagen von Orson Welles. Und 2014 erschien dann sogar ein neues Album unter der Marke Alan Parsons Project. Es trägt den Schach-affinen Titel „The Sicilian Defense“ und setzt sich ausschließlich aus Kompositionen von Eric Woolfson zusammen. Parsons' bislang letztes Soloalbum erschien 2022. So Gott will, feiert er Ende dieses Jahres seinen 78. Geburtstag.
Quelle: https://www.achgut.com/artikel/alan_p…and_imagination