H. G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ als queere Neuinterpretation

  • H. G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ als queere Neuinterpretation: „Ich kann mich in diese Zeit hineinversetzen“

    Der Berliner Comiczeichner Thilo Krapp hat „Die Zeitmaschine“ als Graphic Novel umgesetzt. Hier spricht er über gesellschaftliche Restriktionen und die Frage, wie man einen Klassiker neu erzählt.

    Von Lars von Törne

    Stand: 21.09.2026, 09:45 Uhr

    Thilo Krapp arbeitet als Illustrator und hat sich in den vergangenen Jahren unter anderem mit erfolgreichen Comic-Adaptionen klassischer Science-Fiction-Erzählungen von Jules Verne („20.000 Meilen unter dem Meer“) und H. G. Wells („Krieg der Welten“) einen Namen gemacht. Jetzt hat er Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“ aus dem Jahr 1895 als Graphic Novel umgesetzt – und inhaltlich neu akzentuiert.

    Aus dem namenlosen Zeitreisenden wird bei ihm Henry, ein queerer Mann, der in der viktorianischen Gesellschaft um eine verlorene Liebe kämpft.

    Im Gespräch erzählt Krapp, warum die Welt um 1900 für ihn so reizvoll ist, wie er Wells’ Zukunftsvision visuell weiterentwickelt hat – und wie er mit abwertenden Reaktionen von Lesern umgeht. (Spoiler-Warnung: Das Gespräch verrät zentrale Handlungselemente der Graphic Novel.)

    Thilo Krapp, Ihre neue Graphic Novel „Die Zeitmaschine“ ist nicht nur eine Adaption des Romans von H. G. Wells, sondern auch eine Neuinterpretation. Vor allem die Hauptfigur haben Sie stark erweitert. Wie ist diese Figur bei Ihnen entstanden?
    Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, dass mir bei der Hauptfigur eine entscheidende Motivation fehlt. Die Geschichte ist großartig, auch wegen ihrer gesellschaftlichen Dimension. Aber ich konnte nie ganz nachvollziehen, warum jemand aus rein wissenschaftlicher Neugier enorme Mühen auf sich nimmt, um eine Zeitmaschine zu bauen und damit durch die Geschichte zu reisen.

    Zur Person

    © ILB 2026, PWS e.V., Stefanie Loos

    Thilo Krapp wurde 1975 in Nordrhein-Westfalen geboren und studierte in Wuppertal Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Illustration. Er lebt in Berlin und arbeitet als Illustrator von Kinderbüchern, Comics und Sachbüchern vorwiegend zu historischen Themen.

    Er hat in den vergangenen Jahren die Literaturklassiker „Der Krieg der Welten“ von H.G. Wells, „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne und zuletzt Wells’ „Die Zeitmaschine“ als Graphic Novels adaptiert (alle im Carlsen-Verlag).

    Thilo Krapp, nach H. G. Wells: „Die Zeitmaschine“, Carlsen-Verlag, 192 Seiten, 25 Euro.

    © PR/Carlsen-Verlag

    Für „Der Krieg der Welten“ erhielt Krapp 2017 den Rudolf-Dirks-Award als beste Literaturadaption. Seine online veröffentlichte Science-Fiction-Liebesgeschichte „Miles & Sally“ wurde 2025 mit einem Ginco-Award als bester fortlaufender Comic ausgezeichnet.

    Dieses Interview ist die redaktionell überarbeitete Kurzfassung eines Gesprächs von Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne mit Krapp beim Internationalen Literaturfestival Berlin Anfang September 2026.

    Im späten 19. Jahrhundert mochte diese Erklärung ausgereicht haben: Der Zeitreisende ist eben ein fortschrittlicher Techniker oder Ingenieur. Heute hinterfragen wir stärker, welche Folgen Erfindungen und wissenschaftlicher Fortschritt haben.

  • Für eine Graphic Novel war mir diese Figur deshalb zu wenig greifbar. In einem visuellen Medium sehen wir sie ständig; wir wollen mit ihr mitfühlen. Dafür brauchte ich einen menschlich nachvollziehbaren Grund, warum sie überhaupt durch die Zeit reisen will.

    Die Handlung spielt im viktorianischen England, also in einer äußerst rigiden gesellschaftlichen Ordnung. Ich habe mich gefragt, was für jemanden damals eine akute Notwendigkeit sein könnte, aus seiner Zeit zu fliehen. Als queerer Mensch konnte ich mir vorstellen, dass Henry einer verlorenen Liebe nachtrauert, die unter den gesellschaftlichen Bedingungen seiner Zeit unmöglich geworden ist. Er baut die Zeitmaschine zunächst, um zu dem Moment zurückzukehren, an dem diese Beziehung zerbrochen ist – in der Hoffnung, sie vielleicht doch noch retten zu können.

    Henry ist also schwul, und Sie verbinden seine persönliche Geschichte mit der historischen Situation der 1890er Jahre.
    Ja. Die Handlung setzt kurz nach dem Prozess gegen Oscar Wilde ein, der 1895 wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde. Das war eine Zeit, in der queeres Leben besonders stark kriminalisiert und verfolgt wurde.

    Quote

    H. G. Wells erzählt fantastische Geschichten, die zugleich sehr fest in der Realität verankert sind. Man denkt: Das könnte tatsächlich geschehen.

    Thilo Krapp

    Henry trifft seinen Geliebten in einem sogenannten Molly-House – so wurden damals Orte genannt, an denen sich Männer heimlich treffen konnten. Später reist er in die Vergangenheit zurück und sucht diesen Mann noch einmal auf. Der ist irritiert, weil er Henry gerade erst kennengelernt hat und nun demselben Menschen begegnet, der aus seiner Zukunft kommt. Er macht Henry jedoch erneut klar, dass aus ihnen nichts werden kann: Er werde eine Frau heiraten, die Kanzlei seines Vaters übernehmen und Henry solle sich von ihm fernhalten.

    Eine Seite aus Thilo Krapps Adaption von „Die Zeitmaschine“.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

    Henry gibt die Hoffnung trotzdem nicht sofort auf. Er denkt, vielleicht braucht sein ehemaliger Geliebter nur einige Jahre, um seine Entscheidung zu überdenken. Deshalb reist er später noch einmal in die Zukunft. In der Zwischenzeit spielen sich außerdem die Ereignisse aus „Der Krieg der Welten“ ab. Henrys Geliebter geht dabei verloren. Von diesem Moment an weiß Henry, dass es für ihn kein Zurück mehr gibt. Er wird diese Liebe nicht mehr gewinnen können – weder in der Vergangenheit noch in der unmittelbaren Zukunft.

    Er reist nun aus anderen Gründen weiter: aus Neugier, aber auch, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Schließlich erlebt er die Geschichte, die Wells erzählt, und gelangt in die ferne Zukunft.

    Zwischen Utopie und Dystopie: So hat Krapp die Zukunftswelt illustriert, in der der Zeitreisende auf die Gesellschaftsgruppen der Eloi und Morlocks trifft.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

  • Sie haben neben „Die Zeitmaschine“ auch „Der Krieg der Welten“ adaptiert, außerdem Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Was fasziniert Sie an der Literatur des späten 19. Jahrhunderts?
    Zunächst einmal der enorme Formenreichtum. Um 1900 war visuell sehr vieles möglich. Man konnte historistisch bauen, sich an Renaissance oder Barock orientieren, aber auch Mischformen entwickeln. Gleichzeitig entstanden neue Bewegungen wie der Jugendstil. Diese Epoche war ästhetisch unglaublich vielseitig.

    2022 hat Thilo Krapp bei Carlsen seine Adaption von „20.000 Meilen unter dem Meer“ veröffentlicht, hier das Buchcover.

    © Carlsen Verlag / Thilo Krapp

    Mich fasziniert auch der Wille, Dinge zu erschaffen. Die Menschen brauchten Geduld, Erfindungsreichtum und ein großes Durchhaltevermögen, um neue Formen zu entwickeln. Diese Leidenschaft ist in der Architektur, im Design und in den technischen Apparaten jener Zeit überall sichtbar.

    Diese Epoche war allerdings nicht nur visuell vielfältig, sondern auch gesellschaftlich sehr strikt. Ist gerade dieses Spannungsverhältnis für Sie reizvoll – die schöne Oberfläche und das enge Korsett darunter?
    Auf jeden Fall. Wenn wir über diese Zeit sprechen, merke ich, dass ich mich auch aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte in sie hineinversetzen kann. Ich finde nicht, dass wir heute in einer Welt leben, in der für alle Menschen alles gleichermaßen möglich ist. Wenn man sein Leben anders organisieren muss als andere, um überhaupt so leben zu können, wie man möchte, entsteht eine Verbindung zu historischen Zeiten, in denen gesellschaftliche Normen noch viel stärker begrenzten, was möglich war.

    Vor einiger Zeit war ich im Bröhan-Museum in Berlin in einer Ausstellung über Oscar Wilde und die Designbewegungen seiner Zeit. Dort wurde auch deutlich, wie wichtig Wilde die Schönheit und die Vielfalt der Kunst waren. Das kann ich gut nachvollziehen: Wenn das eigene Leben eingeschränkt wird, sucht man vielleicht in der Kunst nach einer Vielfalt, die einem die Gesellschaft verweigert.

    Im Verlauf der Geschichte gelangt Henry in die ferne Zukunft. Dort trifft er auf zwei Gruppen menschlicher Nachfahren, die auf eine düstere Weise miteinander verbunden sind: die Eloi und die Morlocks. Er entdeckt bei ihnen aber auch eine Gesellschaft, die manche Geschlechterrollen offenbar überwunden hat …
    Das ist im Roman bereits angelegt. Der Zeitreisende kann die Eloi teilweise kaum nach Geschlechtern unterscheiden. Für mich ließ sich daraus eine Gesellschaft entwickeln, in der Geschlechterrollen deutlich an Bedeutung verloren haben. Männer und Frauen gehen selbstverständlich miteinander um, überhaupt gibt es wenig Berührungsängste. Henry kommt aus einer Gesellschaft, in der Geschlechterrollen und sexuelle Normen sehr stark festgelegt sind. In der Zukunft erlebt er deshalb zunächst eine erstaunlich offene Welt.

    Gleichzeitig fällt ihm auf, dass alle Eloi sehr jung sind. Niemand scheint älter als dreißig zu sein. Das ist der erste Hinweis darauf, dass mit dieser scheinbar paradiesischen Gesellschaft etwas nicht stimmt.

    Eine weitere Doppelseite aus Thilo Krapps „Die Zeitmaschine“.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

    Die Eloi wirken frei und freundlich, sind aber von den Morlocks abhängig. Wells beschreibt damit auch eine späte Folge der Klassengesellschaft: Die Nachfahren der Besitzenden leben oben, während die Nachfahren der Arbeiter unter der Erde arbeiten. Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Überwindung von Geschlechterrollen und der Kritik an Klassenverhältnissen?
    Eine Verbindung gibt es durchaus. Die Eloi sind gewissermaßen die verwöhnten Nachfahren der ehemaligen Oberschicht. Die Morlocks, die Nachfahren der Arbeiterklasse, halten ihre Welt am Laufen, während die Eloi ein schönes, aber naives und hilfloses Leben führen.

    Das Interessante ist, dass man die Eloi trotzdem mag. Ihr Umgang miteinander ist zwanglos, freundlich und frei von vielen Hierarchien. Ihr Leben wirkt zunächst beneidenswert. Gleichzeitig weiß man, dass es auf der Arbeit anderer beruht und dass die Eloi in gewisser Weise die Nachfahren jener Menschen sind, die früher über andere geherrscht haben.

    Daraus entsteht eine schwierige Frage: Bleiben Menschen für immer für die Geschichte ihrer Vorfahren verantwortlich? Oder entwickeln sich aus ihnen neue Menschen, die nicht einfach mit den Taten früherer Generationen gleichzusetzen sind? Der Roman wirft diese Fragen auf, ohne sie eindeutig zu beantworten. Gerade diese Ambivalenz finde ich spannend.

    Für seine Adaption hat Krapp die Grundelemente des Romans beibehalten, aber vor allem die Persönlichkeit der Hauptfigur neu interpretiert.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

  • Sie gestalten die Zukunftswelt in Ihrer Graphic Novel visuell sehr konkret. Wie haben Sie sich diese Welt erschlossen?
    Wells beschreibt die Zukunft durchaus anschaulich. Er schreibt von großen Behausungen und Wohntürmen, in denen viele Menschen zusammenleben. Kleinere Gebäude und Einfamilienhäuser scheint es kaum noch zu geben. Gleichzeitig sind diese Bauten verfallen, obwohl man ihnen ansieht, dass sie einst mit großem Aufwand errichtet wurden.

    Beim Lesen des Romans musste ich an die Weltausstellungen des späten 19. Jahrhunderts denken. Dort wurden große Ausstellungshallen gebaut, die eine Art Zukunftsarchitektur darstellen sollten. Sie waren technisch modern, aber oft reich verziert und von historischen Formen beeinflusst. Diese Verbindung aus Fortschritt und Ornament hat mich bei der Gestaltung der Zukunft inspiriert.

    Darin steckt auch ein Motiv, das sich durch die ganze Geschichte zieht: die Wiederholung von Geschichte. Henry kommt aus dem späten 19. Jahrhundert und trifft in der fernen Zukunft auf eine Architektur, die ihn an seine eigene Zeit erinnert. Vielleicht hat sich etwas aus seiner Epoche erhalten, vielleicht ist etwas wieder zurückgekehrt. Die Zukunft ist nicht völlig neu, sondern trägt Spuren der Vergangenheit in sich.

    Bei der Gestaltung der futuristischen Architektur in seinem Comic hat sich Thilo Krapp unter anderem von den Weltausstellungen des späten 19. Jahrhunderts inspirieren lassen.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

    Im Roman erzählt der Zeitreisende seine Geschichte seinen Freunden. Es bleibt aber offen, ob er tatsächlich gereist ist oder ob er alles nur erfunden hat. Ihre Graphic Novel macht die Zeitreise dagegen sichtbar.
    Wells arbeitet mit einem schönen Trick. Der Zeitreisende kehrt nicht völlig mit leeren Händen zurück: Er bringt eine Blume aus der Zukunft mit und gibt sie seinem Freund Filby. Der soll sie von einem Botaniker untersuchen lassen. Am Ende bleibt aber offen, ob diese Blume tatsächlich ein Beweis für die Zeitreise ist.

    In meiner Adaption sehen wir, dass es diese Blume wirklich gibt und dass sie aus der Zukunft stammt. Henry erhält sie allerdings auf einem anderen Weg als bei Wells. Durch die Bilder wissen wir als Leserinnen und Leser also sicher, dass die Zeitreise stattgefunden hat. Wir wissen in diesem Punkt mehr als die Figuren innerhalb der Geschichte.

    Das ist eine besondere Möglichkeit des Comics: Ich kann eine andere Beweislage schaffen, als sie der Roman hat. Die Handlung muss nicht allein durch die Aussage einer Figur glaubhaft gemacht werden. Wir sehen Henry reisen, wir sehen die verschiedenen Zeiten und können seine Erfahrungen unmittelbar miterleben.

    Quote

    Bei der Adaption eines Klassikers erwarte ich nie, dass alle Menschen jede Entscheidung gutheißen. Viele verbinden mit dem Original etwas sehr Persönliches.

    Thilo Krapp

    Auch die Zeitreise selbst mussten Sie sichtbar machen. Dabei gab es bereits sehr bekannte visuelle Umsetzungen, unter anderem in Form zweier Kinofilme. Hat Sie das beeinflusst?
    Natürlich kann man sich solchen Bildern nicht vollständig entziehen. Die Verfilmung von 1960 mit Rod Taylor in der Hauptrolle ist ein großer Klassiker. Damals wurden viele gute Ideen entwickelt, um den schnellen Ablauf der Zeit zu zeigen. Zum Beispiel brennt eine Kerze in wenigen Augenblicken herunter oder eine Schnecke bewegt sich scheinbar rasend schnell. Im Comic wären das naheliegende Lösungen gewesen – drei Panels, und man sieht, wie die Zeit vergeht.

    Genau deshalb konnte ich diese Bilder nicht einfach übernehmen. Ich musste andere Wege finden, Henrys Zeitreise zu visualisieren. Das war eine Herausforderung, aber auch das Spannende an einer Adaption: Man muss ein eigenes visuelles Kleid für eine bekannte Geschichte finden.

    Eine weitere Seite aus „Die Zeitmaschine“.

    © Thilo Krapp/Carlsen-Verlag

    Eine ähnliche Aufgabe hatte ich bei „20.000 Meilen unter dem Meer“. Die Nautilus aus der Disney-Verfilmung von 1954 ist so ikonisch, dass man nicht einfach dieselbe Gestaltung wiederholen kann. Man muss eine eigene Version entwickeln, ohne die historische und literarische Vorlage aus den Augen zu verlieren.

    Auch die Verfilmung von 2002 mit Guy Pearce war für mich interessant. Dort erhält der Zeitreisende erstmals eine emotional nachvollziehbare Motivation. In der Version von 1960 ist es vor allem wissenschaftliche Neugier; der Film von 2002 fragt stärker, warum dieser Mensch überhaupt durch die Zeit reisen will. Das war auch für meine Arbeit entscheidend: Ich wollte, dass wir Henry auf seiner Reise begleiten wollen, weil er selbst auf der Suche nach etwas ist.

    Quote

    Problematisch wird es für mich, wenn jemand einer queeren Person sagt, ihre Perspektive sei in einer solchen Geschichte irrelevant.

    Thilo Krapp

    Adaptionen klassischer Stoffe führen immer wieder zu Diskussionen und kritischen Reaktionen – besonders dann, wenn Figuren neu interpretiert oder gesellschaftliche Fragen stärker hervorgehoben werden, wie in Ihrem neuen Buch. Rechnen Sie mit kontroversen Reaktionen?
    Bei der Adaption eines Klassikers erwarte ich nie, dass alle Menschen jede Entscheidung gutheißen. Viele verbinden mit dem Original etwas sehr Persönliches – und ich selbst liebe diese Geschichten ja auch. Deshalb ist es völlig legitim, wenn jemand sagt: An dieser Stelle gefällt mir die neue Fassung nicht.

    Bei „Die Zeitmaschine“ war es mir aber wichtig, meine eigenen Erfahrungen einzubringen. Bisher hatte ich bei meinen Adaptionen nicht das Gefühl, mich so unmittelbar in eine Geschichte einschreiben zu müssen. Bei Henry war das anders. Ich konnte ihn besser verstehen und durch die Handlung führen, weil ich selbst queer bin.

    Kurz nach dem Erscheinen des Buches schrieb mir ein Leser, der queere Aspekt sei für die Geschichte irrelevant und störe ihn. Das muss man zunächst einmal aushalten. Problematisch wird es für mich, wenn jemand einer queeren Person sagt, ihre Perspektive sei in einer solchen Geschichte irrelevant. Dann richtet sich diese Aussage nicht nur gegen eine literarische Entscheidung, sondern berührt auch die Person, die diese Erfahrung einbringt.

    Ich mache aus meiner Perspektive keinen Hehl. Im Anhang des Buches erzähle ich auch von mir und davon, warum ich Henry auf diese Weise angelegt habe. Natürlich muss niemand diese Entscheidung mögen. Aber ich finde, sie hat ihre Berechtigung – gerade weil sie aus einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Stoff entstanden ist. Diese Art von Kritik spricht mir quasi ab, ich hätte eine Relevanz in dieser Welt. Das geht mir zu weit. Aber so jemand tut mir eigentlich auch leid.

    „Die Zeitmaschine“ ist nach „Der Krieg der Welten“ bereits Ihre zweite Adaption eines Wells-Romans. Was fasziniert Sie an diesem Autor?
    Wells erzählt fantastische Geschichten, die zugleich sehr fest in der Realität verankert sind. Beim Lesen hat man nicht das Gefühl, in eine völlig fremde Welt zu geraten. Man denkt: Das könnte tatsächlich geschehen.

    Bei „Der Krieg der Welten“ liegt das auch daran, dass Wells die englischen Orte, durch die seine Figuren fliehen, sehr genau kannte. Man kann die Wege teilweise heute noch nachvollziehen. Die Marsianer und die Katastrophe sind das fantastische Element; alles andere bleibt möglichst konkret und realistisch. Dadurch wirkt das Ungeheuerliche umso glaubwürdiger.

    Man spricht gelegentlich vom „Wells’schen Gesetz“: In einer Geschichte gibt es ein fantastisches Element, während alles andere realistisch gehalten wird. Ob man das als feste Regel bezeichnen kann, sei dahingestellt. Aber diese Mischung fasziniert mich sehr. Sie lenkt den Blick auf das eine fantastische Element und eröffnet gerade dadurch viele Möglichkeiten, es zu interpretieren.

    Wells weiß sehr genau, worauf er die Aufmerksamkeit richten will. Das macht seine Geschichten bis heute so stark – und zu so einer ergiebigen Grundlage für neue Adaptionen.

    Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/…n-16063047.html

  • Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, dass mir bei der Hauptfigur eine entscheidende Motivation fehlt. Die Geschichte ist großartig, auch wegen ihrer gesellschaftlichen Dimension. Aber ich konnte nie ganz nachvollziehen, warum jemand aus rein wissenschaftlicher Neugier enorme Mühen auf sich nimmt, um eine Zeitmaschine zu bauen und damit durch die Geschichte zu reisen.

    Der Autor scheint etwas blind durch die Welt zu gehen.

    Er stellt den menschlichen Forscher- und Erfindungsgeist in Abrede, wenn die Suche nach dem Sinn und dem Zusammenhang der Welt nur aus wissenschaftlicher Sicht erfolgt? Das ist ein Schlag in das Gesicht der Wissenschaft.

    Ich glaube seine Formulierung ist sehr sehr unglücklich gewählt. Das es auch einen anderen Grund geben könnte, das ist nachvollziehbar. Aber bitte nicht den Drang der Evolution in Frage stellen. Das ist billige Eigenwerbung….