Posts by Volker Dehs

    In Bonn findet seit Anfang Oktober bis April 2026 in der Bundeskunsthalle eine große Ausstellung zum Thema Expedition Weltmeere statt, in der auch Jules Verne seinen Platz hat. Dazu hat ein Gespräch stattgefunden, das am 23. November gesendet wird:

    Der blaue Planet - Kultur und Natur der Ozeane
    Vom Mond wissen wir mehr als vom Meer, obgleich dreiviertel der Erdoberfläche "blau" sind, wir auf einem "blauen Planeten" leben. Die Vermessung der Ozeane…
    www1.wdr.de

    tja, ich frage mich (als Liebhaber klassischer Musik, der auch die aufgeführten Orgelstücke bzw. Bearbeitungen kennt), was denn das Programm mit Jules Verne zu tun haben mag... Schön war es sicher trotzdem, auch wenn ich nicht weiß, weshalb überall & immer wieder das unvermeidliche 565-Opus von Bach dabei sein muss, vermutlich nur als Appetizer fürs Publikum.

    Käptn Nemo jedenfalls hat Bearbeitungen vor allem von Opernkomponisten gespielt und Eigenkompositionen, deren Noten wohl nicht überliefert sind... und auch nicht auf einer richtigen Orgel, sondern auf einer Art Harmonium.

    Neben der Tatsache, dass sowohl die Titelbilder als auch die Werbetexte (immer nach demselben Muster abgespult) Quatsch und offensichtlich KI-generiert sind, lesen sich auch die Übersetzungen entsprechend, ganz so wie beim Marquis Anselme des Tilleuls... Brave New World! Was dem lustigen Treiben die Krone aufsetzt, ist, dass von diesen Ausgaben auch (vom Englischen?) ins Französische "übersetzte" Titel existieren. Da hat wohl niemand gemerkt, dass Jules Verne ursprünglich mal ein Franzose war und seine Romane auf Französisch geschrieben hat. Der Verlagsname dieser BOD-Produkte lässt auf asiatische Provenienz schließen.

    Mit "Familienmitgliedern" scheint es Th. Ostwald zu haben, schließlich hat er mit "Julius Gerard Verne" ja auch einen Abkömmling der Vernes ins Spiel gebracht. Mir egal, wer und in welchem Verwandtschaftsgrad dieser Jemand dafür verantwortlich ist, auf das Resultat kommt es mir an, und das lässt objektiv zu wünschen übrig.

    Das gilt im Übrigen auch für die Neuauflage seiner Biografie von 1978, die mich sprachlos zurücklässt. Abgesehen von einigen wenigen Aktualisierungen im Zusammenhang mit den posthumen Romanen, die noch nicht einmal widerspruchsfrei in den Gesamttext eingebaut sind, hat Ostwald weder von meinen beiden Biografien (1985 und 2005) noch von dem äußerst bereichernden Buch von Ralf Junkerjürgen (2018) profitiert. So bleibt das Buch - man kann es leider nicht anders sagen -, was es schon 1978 war: ein peinliches Plagiat der Biografie von Max Popp (auf dem Stand von 1909!!), ergänzt um langatmige Nacherzählungen (nicht etwa Inhaltsangaben) von Vernes Romanen. Mir geht es nicht um Polemik, aber wer solche Veröffentlichungen freiwillig - ohne Notwendigkeit und Folter - auf die Öffentlichkeit loslässt, muss auch mit entsprechender Kritik rechnen.

    Mein Exemplar ist nach kurzer Bestellzeit von drei Tagen heute eingetroffen. Ich kann nur abraten vom Kauf und rege an, die 10 Euro anderweitig besser anzulegen, vielleicht für einen guten Zweck zu spenden, - es sei denn, man sammelt Kuriositäten sprachlichen Unvermögens. Dass Anspielungen und Wortspiele in dieser Ausgabe nicht adäquat übersetzt werden, war zu erwarten, aber die Wort-zu-Wort-Übersetzerei erfasst nicht einmal geläufige Ausdrücke, die keine besonderen Anforderungen stellen. So heißt es beispielsweise auf S. 9:

    Nun gab sich Monsieur Anselme des Tilleuls als Marquis aus, nicht mehr und nicht weniger als Marquis des alten Felsens.

    Welchen "alten Felsens"? Im frz. Original heißt es: "marquis de vieille roche", und das kann man konkret mit "als Marquis von altem Adel" oder etwas freier "von echtem Schrot und Korn" übersetzen.

    Schon der erste Satz übersetzt "l'âge non moins raisonnable que pubère" mit "das nicht weniger vernünftige als pubertierende Alter" (S. 5). So so, was bitte ist ein "pubertierendes Alter"? Es handelt sich um das "heiratsfähige Alter".

    Auf derselben Seite: "Anselme des Tilleuls porträtierte einen blonden jungen Mann, der an Sonnenuntergänge erinnerte." Anselme porträtiert niemanden, sondern er selbst "stellt einen jungen Mann dar, dessen blondes Haar ins Rot der Sonnenuntergänge spielte" oder so ähnlich.

    Vielleicht wirft man ein: Lieber eine schlechte als gar keine Übersetzung. Diese Übersetzung ist aber eine Qual und führt ständig auf falsche Fährten. Eine Inhaltsangabe, die auf die inhaltlichen und stilistischen Besonderheiten dieses literarischen Textes hinweist, ist allemal vorzuziehen und würde ein angemesseneres Bild von dem Text vermitteln. Diese peinliche Veröffentlichung hat den Charme und die sprachliche Sensibilität einer aus dem Japanischen übertragenen Gebrauchsanweisung für Rasierapparate. Zum Fremdschämen!

    Ja, das war so geplant, um Zeit zu gewinnen und meiner Nachfolgerin, Mme Agnès Marcetteau-Paul (der ehemaligen Leiterin der Stadtbibliothek von Nantes und des Jules-Verne-Museums) Gelegenheit zu geben, gleichzeitig die folgende Ausgabe Nr. 210 vorzubereiten. Diese Ausgabe, mit unveröffentlichten, sehr interessanten Texten von Michel Verne (darunter einem Romanfragment, das in Le Crotoy handelt!), ist bereits beim Drucker und wird Oktober/November erscheinen.

    ... und es geht weiter! Nach dem Inhalt und der Werbung (zB auf amazon) zu schließen, beglückt uns ein gewisser Bruno Corsi mit neuen Sensationen der esoterischen Archäologie (oder archäologischen Esoterik), die auf denselben Urheber bzw. Herausgeber zurückzugehen scheinen:

    Jules Verne – Der geheime Atlas: Anleitung zum Entschlüsseln verborgener Logik und geheimer Quellen in Jules Vernes Werken Taschenbuch – 17. August 2025

    Interessanterweise sind beide Autorennamen (Corsi und Forgione) wohl real existierenden italienischen Sportlern entlehnt, und wenn man das KI-generierte Cover-Porträt der zweiten Veröffentlichung von JV betrachtet, könnte man sich die Frage stellen, ob nicht die gesamten Texte auf diese Weise produziert wurden.

    Nun denn, ich belasse es mal dabei, denn wer weiß, wieviele andere Produkte derselben Art herausgehauen werden...

    Naja, das schon - aber zu welchem Preis ?

    Das Buch von Giorgio Forgione hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Die These - nein, die Behauptung - dieses Buches lautet, Verne habe nicht technische Prophezeiungen abgesondert (darin ist es immerhin unter entsprechenden Veröffentlichungen recht originell), sondern altes Wissen aus sumerischen Texten "bewahrt" und für die Neuzeit in Romanform umgesetzt, damit es nicht zensiert würde. Selbstverständlich sei er Mitglied eines Geheimbundes gewesen, geheimnisvolle Dokumente seien in Amiens und Nantes gefunden, aber unterdrückt worden , usw. usf.

    All das kommt völlig ohne Quellenbelege und Bibliografie aus (um die sich ein Erich von Däniken immerhin noch bemüht hatte), strotzt vor Anachronismen, Fehlbezügen und reinen Erfindungen, die als Fakten ausgegeben werden, die - natürlich - von der offiziellen Forschung oder den involvierten Staaten der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Kennt man ja von den Verschwörungsschwurbeleien. Wenn der Autor sich auf Vernes Romane bezieht oder gar aus ihnen zitiert, sind die Zitate manipulativ oder erfunden und haben meist keinerlei Bezug zu den Originaltexten.

    Spaßeshalber ein kleines harmloses Beispiel, das mir wegen seiner Zahlenspielerei gefällt:

    "'Zwanzigtausemd Meilen unter dem Meer' umfasst in der Originalfassung exakt 144 Kapitel - eine Zahl, die dem Quadrat von 12 entspricht, einer Grundzahl babylonischer Numerologie." (S. 26)

    Nun kenne ich mich nicht mit der babylonischen Numerologie aus und weiß auch nicht, auf welche "Originalfassung" des Romans sich der Verfasser bezieht, aber Vernes Doppelband umfasst leider nur 47 (24 + 23) Kapitel, die beiden Manuskripte (Originalfassungen"?) weichen nur unwesentlich davon ab.

    Vielleicht als Däniken-Parodie ganz lustig, aber sonst der reinste Humbug, der Jules Verne sehr amüsiert haben würde! Mich hat's auch belustigt, aber das Geld kann man sich sparen und sollte sich lieber 3 oder 4 Eis kaufen.

    Ich möchte meine vorausgehende negative Kritik korrigieren, nachdem ich zunächst nur die erste Hälfte des Beitrags gehört hatte (ich weiß, man sollte immer das Ganze zur Grundlage seines Urteils machen... mea culpa!). Die Kommentare zur Propellerinsel und zum Karpathenschloss sind sehr viel differenzierter als das Vorausgegangene und bieten einen nachvollziehbaren Schlenker zur Aktualität. Das gilt auch für den Rest, allerdings widerstrebt mir immer noch der effektheischende Bezug zu Vernes vorgeblicher Seherei oder Prophezeiung. Das alles lässt sich historisch einfacher erklären und wurde es auch in vielen Veröffentlichungen.

    der übliche Schmus aus zutreffenden Fakten, historischen Fehlinterpretationen und reinen Erfindungen (Vernes "offizielle" Präsenz auf der Weltausstellung von 1867, bzw. seines Romans Von der Erde zum Mond). Lustig auch das Zögern der KI-Stimme zwischen dem englischen vörn und dem superdeutschen Ferne und allen Varianten dazwischen...

    Hier übrigens eine deutsche Neuerscheinung, die dasselbe Niveau haben dürfte, wenn sie es nicht gar an Peinlichkeit übertrifft:

    https://www.amazon.de/Jules-Vernes-geheime-Botschaften-entschl%C3%BCsselten/dp/B0FJ8668BT/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=X4OO7U8389NW&dib=eyJ2IjoiMSJ9.Tx5fnDKUoCKEJuqzGlSAzN72YY7mggEwADBwrZEz1-gmeCvpoDcpws0FgrcU0wVenqq3M7NUyH71q8ZRMY549H-7bm7hjnkWtI69_Jj5nL5TytdcS_r86ZFNgq96Zx-CWYqlfhuj_xZrb9mOfg2PunKq_XCkzMYrJDn3ooRWode3sc768x8M9sIW7DFfs5SylhItPt7Gn9OK0YcftiTCDPKV7b47M6o1rHn-Mx9RVmU.CW8pWjvKD7xPw_audl_KrTWIeGgJBW8UfAMkR5qgFVg&dib_tag=se&keywords=forgione+vernes&qid=1754422689&sprefix=forgione+vernes%2Caps%2C77&sr=8-1

    Ich habe mich zum Bestellen durchgerungen und erwarte mein Exemplar am Donnerstag und freue mich auf ein paar Stunden zum Kaputtlachen!

    Die Millowitsch-Fassung war wohl nicht die erste Bearbeitung dieser Art. Bereits 1875 (der Theaterzettel meiner Sammlung trägt den handschriftlichen Zusatz "26. Juni 1875") wurde am Wiener Automaten-Theater, "k.k. Prater, grosse Zufahrtstrasse 20", Die Reise um die Welt. Grosses Ausstattungsstück in 9 Bildern, dargestellt von 131 Automaten aufgeführt. Ohne Nennung der Autoren und wohl sehr frei nach Jules Verne. Die Hauptpersonen heißen Gustav Baron Springinsfeld und "Gustav Flinserl, sein Diener". Einige der Etappen sind identisch mit Foggs Reise, außerdem zeigt das 8. Bild Schneesturm und "Eispressungen" sowie eine Eisbärenjagd "Im Eismeere".

    "Sämmtliche Automaten und Figuren, sowie die ganze mechanische Theater-Einrichtung neu angefertigt von Karl Sanonner & Sohn."

    Der Zettel ist abgebildet im Bulletin de la Société Jules Verne Nr. 198, Mai 2019, S. 40.

    Gegenüber der frz. Ausgabe von 2021 scheinen die Comic-Fassungen dreier Erzählungen zu fehlen ("Pierre-Jean", "Meister Zacharius" und "Eine ideale Stadt"). Dafür ist die deutsche Ausgabe 5 Euronen teurer als das Original. Die Biografie selbst ist um Authentitzität bemüht und zitiert viele Briefstellen, was ein wenig hölzern wirkt. Insgesamt aber durchaus gelungen.

    Meine erste Reaktion, wenn ich auf eine weitere Ankündigung von In 80 Tagen stoße, ist instinktiv: "Schon wieder..." Das lässt natürlich außer Acht, mit wieviel Herzblut und Engagement gerade Laienensembles bei der Sache sind! Die Erfahrung konnte ich vergangenen Samstag, den 28. Juni, machen, als ich mit einer Gruppe von geistig beeinträchtigten Leutchen, die ich betreue, einer Aufführung des Yola-Clubs im Göttinger Jungen Theater beiwohnte.

    Die Schauspieleri, alle zwischen 10 und 13 Jahren, haben eine nicht nur respektable, sondern tolle Darbietung gezeigt, mit zum Teil sehr individuellen Darstellungen der Personen, und das bei tropischen (indischen?) Temperaturen, die im unklimatisierten Saal herrschten. Es war die zweite und wohl letzte Aufführung im ausverkauften Theater.

    Die Inszenierung kam ganz ohne Requisiten aus - mit Ausnahme eines Sessels, in dem Phileas Fogg zunächst hin- und hergeschoben wurde, und der dann auch als Eisenbahn, Elefant und Schiff diente (zu meiner Freude wurde kein Ballon bemüht). Dafür wurde Passepartout nacheinander von vier oder fünf Jungen dargestellt.

    Natürlich war die Handlung stark vereinfacht, dem Zielpublikum angepasst, und das Thema Zeitverschiebung war ganz gestrichen worden. Im Gegensatz zum Original kam Fogg tatsächlich knapp zu spät, gewann seine Wette aber trotzdem wegen seiner von ihm eingangs gewählten Formulierung. Und am Schluss vertraute er der Journalistin, die ihn auf der Reise begleitet hatte (wohl eine Reminiszenz an die letzte Verfilmung), an, dass er sein Vermögen einer Reihe von Banküberfällen verdanke... das war auch für eingefleischte Verne-Kenner eine gelungene Überraschung. Nach 70 unterhaltsamen Minuten war die Reise vorbei und der Applaus groß.

    Meine Leute jedenfalls waren nach anfänglicher Skepsis hellauf begeistert und wollen möglichst bald wieder mal ins Theater! Was will man mehr?

    ... und das auf einem hohen Niveau, kenntnisreich und gut verständlich zugleich. Ein Vergnügen zu lesen, wozu (nach meinem Geschmack) auch die gute Qualität der Bindung beiträgt. Kleinigkeiten findet man immer zu bekritteln, hier aber überraschend wenige. Bin zwar mit meiner Lektüre noch nicht ganz durch, kann das Buch aber besten Gewissens all denen empfehlen, die sich über das Abenteuer hinaus auch für das zeitgenössische und wissenschaftsgeschichtliche Umfeld des Romans und seines Autors interessieren! Im französischen oder englischen Sprachraum existiert meines Wissens nichts dergleichen.