Posts by Volker Dehs

    Stahlelefant, du hast Recht, was den ersten Prozess angeht, sorry, da hatte mich meine Erinnerung getäuscht.

    Nantes (ebenso wie Amiens) hält nichts böswillig zurück, alles steht der Forschung offen, und kann auch veröffentlicht werden, wenn sich die Herausgeber an die Regeln halten, d. h. die Quellen angeben und zuvor eine Genehmigung einholen, was bei kommerzieller Verwertung natürlich mit einer finanziellen Beteiligung der Besitzer verbunden ist. Ich habe in den vergangenen Jahren nur gute Erfahrungen mit beiden Institutionen gemacht und keinerlei Behinderung erfahren.


    Die Situation etwa bei der Familienkorrespondenz war komplizierter, weil sich Dumas bei seiner Veröffentlichung zum Teil auf alte Abschriften, bei den Romanen auf im kleinen Kreise zirkulierende Fotokopien bezogen hatte. Möglicherweise, aber das ist nur eine Spekulation, hatte es in Nantes Pläne zur Veröffentlichung (und kommerziellen Vermarktung) der unveröffentlichten Manuskripte gegeben, und Dumas ist dem zuvorgekommen, woraufhin es jahrelang zu Spannungen zwischen der Société Jules Verne und der Stadt Nantes gekommen ist. Die sind inzwischen glücklicherweise ausgeräumt. Das zeigt jedenfalls die Zweischneidigkeit der Aktion. Nantes und auch Amiens haben noch eine recht große Anzahl unveröffentlichter Briefe Jules Vernes, auch an die Familie. Es sind zwei oder drei Projekte unterwegs, diese zu veröffentlichen, darunter die 300 Briefe Jules Vernes an seinen Sohn Michel, die ich zusammen mit Piero Gondolo della Riva betreue. All das braucht allerdings seine Zeit, weil die Transkription der Handschriften nicht immer einfach ist und die Lektüre der Briefe nur dann sinnvoll ist, wenn bestimmte Zusammenhänge erklärt werden.

    Dumas ist in erster und zweiter Instanz schuldig gesprochen worden, er durfte in der Neuauflage seiner Biografie nicht Jules Vernes Familienkorrespondenz nachdrucken. Ob er auch ein Bußgeld bezahlen musste, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber, dass das Urteil Präzedenzcharakter für die Veröffentlichung posthumer Werke hatte, wenn man nicht die Erlaubnis des rechmäßigen Eigentümers einholt.

    Olivier Dumas, langjähriger Präsident der französischen Société Jules Verne, ist am 23. August 2019 in Paris gestorben. Als Lungenchirurg und Mitinhaber der berühmten Luxusmarke Hermès hatte Dumas maßgeblich an der Neugründung der Gesellschaft mitgewirkt und von 1967 bis 2012 das inzwischen im 53. Jahrgang erscheinende Bulletin de la Société Jules Verne herausgegeben, bis ihn eine Krankheit zwang, sich zurückzuziehen.


    Dumas' Einfluss auf die Jules-Verne-Forschung kann kaum überschätzt werden, obwohl und gerade weil er durchaus kontrovers beurteilt wird. Mehr als 300 Artikel zeugen von seinem Engagement. Einige Ergebnisse hat er in seiner Biografie (Jules Verne, Lyon: la manufacture, 1989; Neubearbeitung als Voyage à travers Jules Verne, Montréal/Paris: Stanké, 2000) zusammengefasst. Zwischen 1985 und 1988 gab er die Originalfassungen der von Michel Verne umgeschriebenen postumen Romane sowie einen Teil der Familienkorrespondenz heraus, womit er der Forschung neue Impulse gab, was ihm aber auch Prozesse der Stadt Nantes eintrug, die inzwischen Besitzerin der Manuskripte Jules Vernes war. Außer Frage steht sein Verdienst als Initiator der Herausgabe von Jules und Michel Vernes Korrespondenz mit den Verlegern Hetzel (5 Bände, Genf: Slatkine, 1999-2006).


    Als Mensch und Verne-Spezialist war Dumas von Beginn an umstritten, was einerseits an seinem autoritären Charakter lag, den er unbedingt in den Dienst seiner Sache - der Neubewertung Jules Vernes als Schriftsteller, nicht seiner persönlichen Interessen - stellte. Andererseits vertrat er gerade in seinen späteren Jahren oftmals Positionen, in denen die Aufwertung Jules Vernes mit der Abwertung von dessen persönlichem Umfeld (Michel, Pierre und Honorine Verne, Hetzel Vater und Sohn) einherging. Wie immer man dazu stehen mag, zu seinen Ergebnissen, Argumenten und Hypothesen wird sich auch die künftige Jules-Verne-Forschung positionieren müssen.


    Auf Deutsch erschien sein Aufsatz "Unter entwürdigender Fuchtel. Die Korrespondenz Verne-Hetzel", in V. Dehs & R. Junkerjürgen (Hg.): Jules Verne: Stimmen und Deutungen zu seinem Werk. Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, Bd. 75, 2005, S. 56-67

    Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang hilfreich, auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Bänden hinzuweisen:

    Der Nautilus-Band enthält die ausgearbeiteten Texte der Vorträge, die auf der Tagung in Braunschweig gehalten worden sind, der Wikipedia-Band die wikipedia-Artikel, die im Umfeld dieser Tagung ergänzt, korrigiert oder neu geschrieben wurden. Letztere sind also online abrufbar, die Artikel des Nautilus-Bandes nicht.

    In der Tat befanden sich zwei Ausgaben des Romans in Jules Vernes Bibliothek (heute in der Bibliothèque municipale von Amiens), beide mit handschriftlicher Widmung von Cromie an Verne. Vernes kurzes Vorwort ist nur in der zweiten Auflage enthalten, nicht in der Erstausgabe. Das spricht dafür, dass der Verfasser Verne die Erstausgabe mit der Bitte um eine kurze Einleitung geschickt hat, was Verne dann auch tat - weshalb nur in diesem Fall, nicht aber in anderen, darüber kann man nur spekulieren.


    Stilistisch spricht viel für Vernes Urheberschaft (falls von Cromie frei erfunden, hätte dieser Verne wohl auch kaum die Zweitauflage zugesandt), insbesondere die Schlussfloskel ähnelt Vernes Vorwort zu den Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren (für den Vorabdruck im Magasin).


    Es stimmt natürlich, dass Verne Englisch weder sprechen noch lesen konnte, aber er hatte in seiner Umgebung Bekannte und Freunde, die für ihn fremdsprachliche Texte einsehen oder ganz durchlesen konnten und derer hat er sich auch nachgewiesenermaßen bedient hat.

    Ich war auch nicht drin, habe ihn aber vor ein paar Tagen auf dem Bremer Freimarkt (vom Zug aus) gesehen. Leider hat die Zeit zum Ausprobieren gefehlt. In den Bremer Zeitungen hat er ordentlich für Aufsehen gesorgt. Was das nun direkt mit JV zu tun haben soll, ist mir nicht ersichtlich, man könnte ja auch eine Fruchtpresse oder einen Pümpel nach ihm benennen...

    Die Passage hat keine Entsprechung in der Theaterbearbeitung (auch nicht in der ersten Fassung von Verne und Cadol.) Soweit ich weiß, gibt es beide Fassungen nicht online. Keine Ahnung, wer Passepartout die Sache mit den 78 Tagen zugesteckt hat...

    Ja, das ist korrekt. Die deutsche Übersetzung erschien übrigens in der von mir herausgegebenen Übersetzung von "Reise um den Mond" (Artemis&Winkler / dtv,) S. 326

    keine Ahnung, in welcher Rubrik der Beitrag abgestellt werden soll. Auf jeden Fall finde ich das apodiktische Urteil von Dennis Scheck völlig unangemessen. Journalismus halt, aber keine reflektierte LIteraturkritik

    Hetzel selbst hatte auf den Titelseiten der in-18-Ausgabe ungefähr ab 1900 die Angabe der exakten Auflage durch den Ausdruck "nouvelle édition" ersetzt und nur auf dem Umschlag der Broschur fortgesetzt, wo sie aber manchmal irreführend ist, weil der Umschlag je nach Zusammensetzung auch die vorausgehende oder folgende édition beinhalten konnte.
    Nach 1914 übernahm Hachette die Druckstöcke (für die in-18 und in-8°-Ausgaben), ersetzte bei einigen der bereits gedruckten Ausgaben die Titelseiten durch neue, wo der Verlagname Hachette eingedruckt war, setzte Nachdrucke aber ohne Textänderung fort, für einige Titel beider Reihen bis Ende der 1930er Jahre. Bei einigen Titeln (nicht allen) der in-18-Ausgabe wurde wieder die Auflagenzählung auf der Titelseite eingeführt, die die (unterbrochene) Hetzel-Zählung fortführt.

    Ja, diese Leinenausgabe gab es schon vorher, sie wurde 1886 eingeführt und 1901 durch eine ähnliche Variante (das Bild, das du am 16.2. gepostet hast; beim Vorgänger ist das Medaillon zentrall) abgelöst. Ihr gingen zwischen 1866 und 1886 mindestens drei andere Einbandgestaltungen voraus, die nicht nur für JUles Verne, sondern für die gesamte Hetzel-Produktion in diesem Format genutzt wurden.


    Grundsätzlich gilt: Einband und Buchblock wurden nach Bedarf kombiniert, da gibt es keine chronologisch zwingende Konkordanz (etwa bei Neuauflagen).

    Zwischen 1891 und 1893 wurden die bereits produzierten Exemplare der in-18-Edition mit durchschnittlich 6 Illus aufgemotzt, die außerhalb der Seitenzählung ganzseitig eingefügt wurden.Der Verkauf von Vernes Büchern stagnierte in dieser Zeit und Hetzel wollte durch die Illustrationen das Interesse steigern. Claudius Bombarnac (1893) war der erste Roman, der von Beginn an entsprechende ganzseitige Illustrationen ("planches"), aber auch Auszüge aus Illustrationen enthielt, dort wo das Druckbild das erlaubte. Nachauflagen der anderen Romane wurden entsprechend behandelt, wobei sich zum Teil die Seitenzählung änderte.
    Bei den drei Geschichtswerken ("Découverte de la Terre") hatte dieser Prozess bereits um 1886 eingesetzt, um die Attraktivität der Bücher für den Verkauf zu steigern.
    Die Geschichte der in-18-Ausgaben ist bibliographisch noch nicht aufgearbeitet, weder was den Inhalt noch die Einbände betrifft.

    Die Veröffentlichungspraxis bei Hetzel war durchaus verwirrend.


    Die Vorabdrucke in den Tageszeitungen gingen in der Tat der Veröffentlichung der ersten Buchausgabe immer voraus; der Vorabdruck in Hetzels hauseigenem Magasin d'Éducation et de Récréation fing zwar vor Veröffentlichung der Buchausgaben an, war aber meistens erst nach deren Herausgabe abgeschlossen.


    Die kleinformatige Ausgabe (meist in-18, in-12 oder in-16 genannt) war in der Mehrzahl der Fälle die Erstausgabe - mit Ausnahme der Romane Claudius Bombarnac, Reisebüro Thompson & CO und Die Mission Barsac). Der Verkauf der Buchblöcke erfolgte parallel in den drei Formen Broschur, Leinen und Halbleder (letztere Option wurde nach 1871 aufgegeben) und wurde je nach Bedarf zusammengesetzt.
    Die großformatige, voll illustrierte Ausgabe ("gr. in-8°) ist in den meisten Fällen also die zweite Ausgabe, allerding begann deren Produktion nach 1872 schon früher als die der in-18, und der Verkauf der Lieferungen ("livraisons" und "séries", die mehrere livraisons umfassten) setzte in einigen Fällen bereits früher ein als der Verkauf der kleinformatigen Ausgabe.


    Der Verkauf der großformatigen Ausgabe erfolgte ebenfalls parallel als Broschur, Schmuckleinen und Halbleder (letztere bis 1914, aber nur bei den Doppelbänden). Einbändige Romane wurden mit anderen einbändigen Romanen desselben Zeitraums auch als Doppelbände in den drei Varianten herausgegeben.


    Vorabdruck, in-18 und gr. in-8° weisen alle in unterschiedlichem Maße Varianten auf, bei den Buchausgaben kann man bisweilen auch Varianten zwischen den einzelnen Auflagen nachweisen. Wobei eine Auflage ("tirage") als zeitgleich produlzierte Anzahl von Büchern in einzelnen "éditions" von 1000, 750 oder 500 Exemplaren gezählt und sukzessive verkauft wurden. Das gilt für die kleinformatige Ausgabe, bei der großformatigen ist die Anzahl der Exemplare innerhalb eines tirage selten bekannt und die wurden im Gegensatz zur gr. in-8" auf der Titelseite oder dem broschierten Umschlag NIE nummeriert.


    Alles klar?

    Sorry, die an mich gerichtete Frage muss ich übersehen haben. Nach meinen Auswertungen der Verträge zwischen Hartleben und Hetzel wurde erst ab 1886 - begnnend mit Sandorf und Robur/Lotterielos ein Obulus für den Text entrichtet, nämlich 350 bzw. 500 F. - eine Summe, die zu gleichen Teilen zwischen Hetzel und Verne aufgeteilt wurde - während der Ertrag aus den Illustrationen (9 bis 15 Centimes pro reproduziertem Quadratzentimeter) allein an den Verleger floss. Genaue Zahlen, auch im Vergleich zu anderssprachigen Übersetzungen in:


    W. Thadewald & V. Dehs: "Hartleben & Co. Über die ersten Jules-Verne-Übersetzungen in deutscher Sprache", in V. Dehs & Ralf Junkerjürgen (Hrsg.): Jules Verne. Stimmen und Deutungen zu seinem Werk. Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, 2005, S. 265-281

    Nein, Verne, hat außer 1881 Skandinavien nicht noch einmal besucht, die inzwischen (noch nicht online) zugänglichen Reisetagebücher widerlegen Martins Angaben, die auf falsche Angaben aus der 1928 veröffentlichten Biografie von Marguerite Allotte de la Fuye beruhen.
    Der Roman Ein Lotterielos bezieht sich allein auf die Reiseeindrücke von 1861.

    Hier meine Inhaltsangabe aus der kommentierten Ausgabe der 20.000 Meilen bei Artemis&Winkler/dtv:
    "Goel Mordax erhält den Zuschlag im Wettbewerb, für einen reichen Norweger das Forschungs-U-Boot Jules Verne zu bauen. Als sein amerikanischer Konkurrent die Jules Verne zusammen mit Mordax' Verlobten entführt, macht er sich nach dem Bau einer noch leistungsstärkeren Jules Verne II auf zur unterseeischen Verfolgungsjagd, seinem Rivalen nach" (S. 731-732).
    Der Roman wurde 1902 in Zusammenarbeit mit Gustave Guitton veröffentlicht und hat mich nicht sonderlich vom Hocker gerissen.

    Simone Vierne, eine der maßgeblichen Verne-Forscherinnen schlechthin, ist Mitte Januar in der Nähe von Grenoble in ihrem 86. Lebensjahr gestorben. Die Verne-Forschung hatte sie 1972 mit ihrer Habilitationsschrift über die initiatorischen Komponenten im Werk Jules Vernes revolutioniert, die 1973 als Buchausgabe unter dem Titel Jules Verne et le roman initiatique erschien. Es war die erste Promotion in französischer Sprache, zudem noch von einer Frau geschrieben - zu einer Zeit, als Jules Verne an der Universität nur mit Naserümpfen wahrgenommen wurde. Ihr 800-Seiten-Opus war blendend recherchiert und ist heute immer noch mit Gewinn zu durchforsten, zumal es öfter als Referenz zitiert als wirklich gelesen wurde und wird. Auch wenn sie sich später von allzu zugespitzten Thesen, die Vernes Romane auf Initiationsriten reduzierten (was wiederum vereinfacht formuliert ist), distanzierte, spricht das nicht gegen ihren genialen Wurf, sondern vor allem für die geistige Unabhängigkeit, mit der sie sich in verschiedenen Pubilkationen selbst kritisieren konnte. Bis 1994 bin ich ihr zwei- oder dreimal begegnet und war von ihrer bodenständigen, fast schon rustikalen, aber immer geistreichen Art fasziniert. Ich hätte sie gerne noch einmal wieder getroffen.

    Und es wird sich sicher lohnen! Ich habe die Produzenten in Kiel kennengelernt und mich mit ihnen in Göttingen wiedergetroffen und werde mir die Veranstaltung nächste Woche im Planetarium von Nantes anschauen, zusammen mit Ralph Heimsohn. Was man bisher so davon sehen und darüber lesen konnte, war sehr vielversprechend ...