VON GESPENSTERN UND MAELSTRÖMEN

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    HÖRBUCHT

    VON GESPENSTERN UND MAELSTRÖMEN

    Happy End für die Kinder in uns, das Grauen für die Erwachsenen. Nicht von Fußball- oder Wahlergebnissen wollen wir hier erzählen, sondern von dem außergewöhnlich Phantastischen mit Ph. Dem Phantastischen und dem Seemannsgarn aus der Alten Welt. In der Hörbucht…

    Björn Simon

    Oscar Wilde

    Das Gespenst von Canterville

    Sauerländer Audio / Argon-Verlag

    4 Sterne

    Edgar Allan Poe

    Hinab in den Maelström

    Argon Edition / Argon-Verlag

    4,5 Sterne

    Er bleibt die Benchmark, wenn es um Hörbücher, Hörspiele, Synchronisation und Lesungen geht: Christian Brückner beweist seit Jahren auf beständig hohem Niveau sein Können in jeder Form sprachlicher Gestaltung und hat es längst nicht mehr nötig, als „die Stimme von Robert de Niro“ vorgestellt zu werden. Sein Interesse an Musik und insbesondere Jazz ist durch Aufnahmen mit u.a. Michael Wollny, Tim Isfort und der Band Yakou Tribe ausgiebig dokumentiert, zuletzt hat er zwei CD-Produktionen von familientauglichen Erzählkonzerten vorgelegt (Das Dschungelbuch und Robin Hood), bei denen er vom Ensemble Das wilde Jazzorchester begleitet wurde. Als dritter Streich in dieser Reihe folgt jetzt eine Vertonung von Oscar Wildes Das Gespenst von Canterville, konzipiert und komponiert von Martin Ludwig Auer und Rüdiger Ruppert.

    Die Geschichte ist bekannt: Nachdem eine amerikanische Familie in Schloss Canterville eingezogen ist, stellt das dortige Schlossgespenst bestürzt fest, dass sein spukhaftes Treiben trotz jahrhundertelanger Erfahrung plötzlich ins Leere läuft. Die neuen Bewohner gruseln sich nicht, sondern bieten ihm nach einem besonders unheimlichen Wutgeheul Tropfen gegen Verdauungsbeschwerden an und spielen ihm ihrerseits Streiche. Im Aufeinanderprallen von romantischer Geistergläubigkeit der Alten Welt mit der fortschrittlichen Aufgeklärtheit und dem Pragmatismus Amerikas findet das Gespenst keinerlei Gefallen an den Eindringlingen: „Leute von geringer Bildung und völlig unfähig, den symbolischen Wert eines Hausgespenstes zu würdigen“. Dennoch kommt es zum Happy End, als die 15-jährige Tochter der Familie schließlich Mitleid verspürt und mit ihren Tränen das Gespenst von seiner Ruhe- und Rastlosigkeit erlöst.

    Beim Versuch, die ungewöhnlichen Wege der Geschichte von Satire und Groteske zum romantischen Ende nachvollziehbar zu machen, leistet die Musik Großes. Von der Lesung weitgehend getrennt, wird das Orchester nur selten zur Untermalung von Handlung eingesetzt. Vielmehr nimmt die Musik Stimmungen wie Freude oder Feierlichkeit, Ärger und Dramatik auf, markiert dann in der Art von Intermezzi atmosphärische Verhältnisse und strukturiert auf diese Weise die Handlung. Das „wilde Jazzorchester“ präsentiert sich gar nicht so wild, sondern sehr diszipliniert, kostet etwa in „The Ghost in the Machine“ perkussive Effekte aus und illustriert in „The Ghost Is Not Amused“ im Wechsel von nervös flirrenden, zerrissenen Motiven und getragenen Passagen gekonnt den Ärger und die Resignation des Gespenstes angesichts der Zumutungen, die es erdulden muss. Emotionaler Höhepunkt ist „Love Is Stronger Than Death“, in dem Streicher und Bläser in Martin Auers feinem Arrangement gefühlvoll die entscheidende Szene einleiten, die Christian Brückner anschließend ebenso gefühlvoll vorträgt.

    Auer und Brückner sind auch die entscheidenden Protagonisten bei der Umsetzung von Edgar Allan Poes Kurzgeschichte Hinab in den Maelström als Hörbuch mit Musik. Darin schildert ein norwegischer Fischer die dramatische Geschichte, wie er mit seinen beiden Brüdern und ihrem Boot in den Maelström, einen gigantischen Meeresstrudel bei den Lofoten-Inseln, geriet und die Katastrophe als Einziger überlebte. Poes Text, der sich mehrfach in ausführlichen Exkursen verliert, macht es nicht leicht, durchgängig die Spannung zu halten, und bietet Christian Brückner umso mehr Gelegenheit, seine Meisterschaft zu beweisen. Wenn er über norwegische Geografie doziert oder Seglerlatein auffährt, geschieht das völlig nebensächlich und selbstverständlich. Wenn eine „schonerartig aufgetakelte Schmack von etwa siebzig Tonnen Tragfähigkeit“ oder eine „Brigg, die unter doppelt gerefftem Gaffelsegel lag“ beschrieben wird, versteht man als Landratte zwar kein Wort, hat aber nicht den geringsten Zweifel, dass es genau so korrekt ist.

    Bei der Beschreibung der Zustände des Meeres zwischen Brodeln, scheinbarer Beruhigung und der Entstehung des tödlichen Strudels wird die Musik, die hier häufiger gleichzeitig mit dem Text zu hören ist, zur willkommenen Helferin, die die Atmosphäre der Worte aufgreift und verstärkt. Dass sich der Text sprachlich und inhaltlich an ein Erwachsenenpublikum richtet, spiegelt sich auch in der musikalischen Umsetzung. In intensivem modalem Jazz nimmt sich das Martin Auer Quintett große Freiheiten dabei, das Geschilderte plastisch nachzuempfinden. Wie die Musiker die heraufziehende existenzielle Bedrohung zunächst unterschwellig hör- und spürbar machen und mit nach vorne drängenden pulsierenden Rhythmen den aufkommenden Orkan ankündigen, beweist eindrucksvoll, dass Jazz glänzend geeignet ist, Stimmungen anzudeuten, aufzubauen und zu verstärken. Als Ruhepunkt fungiert ein bezauberndes Duo-Zwischenspiel von Kontrabass und Altklarinette, das einen Moment der Stille und des Friedens in ehrfürchtiger Betrachtung der gewaltigen Kräfte der Natur markiert. Auch wenn später beim Verunglückten angesichts des drohenden Todes der Schrecken überraschenderweise Neugier und physikalischem Forschergeist Platz macht, ist es die Musik, die dabei hilft, die in Anbetracht der Situation merkwürdige Ruhe glaubwürdiger zu machen.

    Nach 73 beeindruckenden Minuten, in denen man beim Zuhören in die Schilderung hineingezogen wurde, gelangt man mit einem sich langsam beruhigenden instrumentalen Epilog wieder zurück an die Oberfläche – eine rundum geglückte Entsprechung zwischen Form und Inhalt.

    Guido Diesing

    Quelle: https://jazzthetik.de/hoerbucht-07-08-2024/