Pathos und Gottvertrauen im Amazonas

  • „Die Jangada“, ein wenig bekannter Abenteuerroman von Jules Verne, liegt wieder auf Deutsch vor


    Von Behrang Samsam


    Von der Erde zum Mond (1865), Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1869/70) oder Reise um die Erde in 80 Tagen (1873) – diese und viele weitere Reiseromane des französischen Schriftstellers Jules Verne (1828–1905) sind Klassiker der Abenteuer- und Science-Fiction-Literatur. In hohen Auflagen gedruckt und weltweit erschienen, mehrfach verfilmt und dadurch noch weiter verbreitet, gehörte Vernes Œuvre jahrzehntelang in die Bücherregale vieler jugendlicher Leser.


    Zwar sind die bekanntesten Titel weiterhin auf Deutsch erhältlich, doch wer beabsichtigt, auch seine übrigen Werke zu lesen, muss inzwischen im (Online-)Antiquariat suchen. La Jangada. 800 lieues sur lʼAmazone (1881) ist einer der in Deutschland nur wenig bekannten Romane von Verne. 1882 auf Deutsch erschienen, hat Christian Döring von der Anderen Bibliothek die bisher einzige Übersetzung aus dem Französischen 2018 in einer, wie es heißt, „behutsam modernisierten Bearbeitung“ unter dem Titel Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas neu veröffentlicht.


    Die deutsche Neuausgabe enthält zudem sämtliche 90 Abbildungen des französischen Originals in der Auflage ab 1901 und im Anhang unter anderem Anmerkungen, die die Lektüre erleichtern. Das ist auch hilfreich, denn der Roman, ursprünglich in zwei Bänden erschienen, spielt im Amazonas-Gebiet.


    Wir befinden uns im Jahre 1852: Joam Garral ist der Besitzer einer Fazenda in der Nähe des Dorfes Iquitos im Norden Perus. Er verlässt die Gegend nie, in die er als junger Mann gekommen und in der er wohlhabend geworden ist. Als seine Tochter Minha den Mediziner Manoel Valdez zu heiraten beabsichtigt, gelingt es Garrals Ehefrau Yaquita, ihn für eine Reise ihrer Familie nach Belem zu gewinnen, das an der brasilianischen Atlantikküste liegt und wo das künftige Ehepaar leben soll. Garral entschließt sich, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden: Er lässt eine Jangada, ein riesiges Floß, bauen, mit dem er nicht nur seine Familie und ihre Bediensteten, sondern auch eine große Menge an Erzeugnissen seiner Fazenda für den Verkauf transportieren will. Um die Reise noch verwegener zu machen, soll die Unternehmung auch noch auf dem Amazonas stattfinden.


    Für das Floß wird nicht weniger als eine halbe Quadratmeile Wald niedergelegt. Da es an keinem Komfort für die Garrals fehlen soll, werden für sie Wohnungen auf der Jangada gebaut, die von Yaquita und Minha eingerichtet werden. Ein der Familie bekannter Geistlicher, der die jungen Leute in Belem trauen soll, erhält sogar eine Kapelle mit kleinem Glockenturm. Die Unterkünfte für das Personal, für 40 Schwarze und 40 Indianer, fallen dagegen nicht so üppig aus. Die Jangada ist eine Arche Noah, ein schwimmendes Dorf, ein Abbild der brasilianischen Gesellschaft um 1850.


    Auch wenn die Reise auf dem Amazonas anfänglich ruhig verläuft, ahnt der Leser, dass das nicht so bleiben wird. Kaimane greifen das Floß an. Und dann wird Torres, ein Mann von etwa 35 Jahren, ein Weißer brasilianischer Abstammung, an Bord genommen. Wir lernen ihn schon zu Beginn des ersten Bandes als einen Buschkäpitän kennen, der etwas im Schilde führt und es auf Joam Garral abgesehen hat. Torresʼ Anwesenheit liegt wie ein dunkler Schatten auf der Reise.


    Verne ist ein Meister darin, aus angelesenem Wissen von realen Reisenden und Naturforschern, in diesem Fall nicht zuletzt von Alexander von Humboldt, eine im wahrsten Sinn des Wortes lebendige Szenerie zu schaffen. Seine Beschreibungen der Flora und Fauna im Amazonas-Gebiet sind ein wichtiger Bestandteil der Erzählung. Doch der deskriptive Anteil im ersten Band von Jangada ist derart massiv, dass man sich fragt, ob Verne damit nicht eine gewisse Handlungsarmut kaschieren wollte. Die Aufzählung der Flüsse beispielsweise, die in den Amazonas münden, wirkt ermüdend.


    Auffällig sind auch Passagen im ersten Band, in denen der oft als technikbegeistert bezeichnete Verne eine der schlimmsten, irreversiblen Folgen der Modernisierung und Globalisierung nicht nur des Amazonas-Gebiets durch westliche Abenteurer, Eroberer und Unternehmer aufzählt: „Es scheint nun einmal Naturgesetz [!] zu sein. Die Indianer verschwinden von der Bildfläche. Vor der angelsächsischen Rasse sanken die Australier und Tasmanier ins vorzeitige Grab. Die Ansiedler des fernen Westens vernichten wider Willen [!] die Indianer Nordamerikas. Ebenso gehen in Zukunft vielleicht einmal die Araber in der französischen Kolonisation noch vollständig unter.“


    Die Figurenzeichnung entspricht dieser Aussage: Während die Weißen sprechen und Namen tragen, bleiben die Indianer und die Schwarzen stumm und ausdruckslos. Einzig die „hübsche, lustige Mulattin“ Lina, die „ihrer Herrin [Joam Garrals Tochter Minha] unendlich ergeben“ ist, hat einen Namen. Auf den heutigen Leser wirken die Figuren zu holzschnittartig. Torres, der Buschkapitän ist und Joam Garral erpressen will, weil er etwas über seine unbekannte Vergangenheit als junger Mann weiß, ist der Fiesling, „dessen Züge seine eigene Habgier widerzuspiegeln“ scheinen. Joam Garral dagegen ist ein „Märtyrer, ein Ehrenmann, dem das Gesetz eine Genugtuung schuldig“ ist.


    Die Darstellung der Frauen ist wahrscheinlich auch von Vernes eigenen Wunschvorstellungen nicht wenig beeinflusst: „Yaquita war zunächst einer Ohnmacht nahe gewesen […]. Sie zweifelte nicht im geringsten an der Schuldlosigkeit ihres Mannes, ja es kam ihr nicht einmal der Gedanke, Joam Garral deshalb zu tadeln, weil er sie unter fremdem Namen geheiratet hatte. Vor ihrer Erinnerung stand nur das lange Leben voll reinen Glückes, das ihr dieser ehrenwerte, ungerechterweise verdächtige Mann beschert hatte.“ Die Frau als Beiwerk des Mannes – so sieht sich Minha, Joam Garrals Tochter, selbst, als sie ihrem künftigen Mann gegenüber das Folgende äußert: „,Wenn ich dir so bloß gefalleʻ, antwortete das junge Mädchen, ,beneide ich keine andere um den Flatter.ʻ“


    Gegen Ende des ersten Bandes steigt die Spannung: Wir erfahren durch den Bösewicht Torres, dass Garral in Wirklichkeit Dacosta mit Nachnamen heißt und als junger Mann Beamter im Büro des Generalgouverneurs von Tijuco war, ein Ort, der heute Diamantina heißt und im Bundesstaat Minas Gerais liegt, in der unter anderem Edelsteine abgebaut werden. Im Jahr 1826 soll der junge Joam Dacosta den folgenden Coup ausgeheckt haben: Er soll sich mit mehreren Schmugglern ins Einvernehmen gesetzt und ihnen den Tag einer Absendung von Diamanten verraten haben. Bei einem kurz darauf erfolgten Überfall sollen alle Soldaten bis auf einen getötet worden sein. Dieser eine hätte sich gerettet und Bericht erstattet. Joam Dacosta wird schnell als Verdächtiger festgenommen und vor Gericht gestellt. Sein Urteil: Todesstrafe. Doch dieser kann er sich durch Flucht entziehen.


    Garral unternimmt die Floßreise daher nicht zuletzt auch deshalb, um einen Kriminalrichter namens Ribeiro, der ihn bei seinem damaligen Prozess – zufällig – verteidigt hat und mit dem er in letzter Zeit in einem Briefwechsel stand, auch persönlich von seiner Unschuld zu überzeugen. Nun stirbt Ribeiro – zufällig –, kurz bevor Garral in Manaos eintrifft. Es werden daraufhin einige Versuche unternommen, seine Unschuld zu beweisen. Welche, sollen interessierte Leser selbst entdecken.


    Die Jangada ist ein Roman, der deshalb unbekannt geblieben ist und wenig Erfolg hatte, weil er sich recht konstruiert liest und auch vorhersehbar ist. Wir Leser erahnen früh, dass alles mit einem Happy End ausgehen wird. Im zweiten Band gibt es zwar einige spannende Situationen mit damals technischen Neuerungen – etwa wenn Garrals Sohn Benito in einem Taucheranzug ein Flussbett nach Torresʼ Leiche absucht, um ein Etui zu finden, in dem sich ein Dokument befindet, das für die Aufklärung des Falles notwendig ist. Doch das reicht nicht, um den Leser dauerhaft zu packen. Die Handlung schreitet nur schleppend voran. Die Figuren stellen keine wirklichen Persönlichkeiten, sondern Typen beziehungsweise Wunschbilder dar. Ihr Pathos ist zu übertrieben und theatralisch.


    Problematisch ist darüber hinaus der Umgang in der vorliegenden Neuausgabe mit Ausdrücken wie der bereits oben erwähnten rassistischen Bezeichnung „Mulattin“. Im Gegensatz zu anderen Begriffen unterlässt es der Herausgeber Christian Döring in den Anmerkungen, diesen Ausdruck zu kontextualisieren und für (junge) Leser einzuordnen. Es wäre bei einem knapp 140 Jahren alten Roman wie der Jangada – entstanden im Zeitalter des ganz offensiven westlichen Imperialismus – mehr als hilfreich gewesen, in einem Nachwort primär die Darstellung der Nichtweißen beziehungsweise der „Eingeborenen“, wie sie in Vernes Roman auch genannt werden, kritisch zu hinterfragen. Denn es kommen auch Vergleiche der Nichtweißen mit Tieren und Kindern vor. Dass die Neuausgabe der Jangada nicht als Anlass genutzt wurde, solche erklärungsbedürftigen Stellen, ja den Roman als Ganzes auch (literatur-)historisch in jener Epoche einzubetten, lässt – bedauerlicherweise – das Buch letztlich unvollständig erscheinen.


    Jules Verne: Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas.

    AB - Die andere Bibliothek, Berlin 2018.

    429 Seiten, 42,00 EUR.

    ISBN-13: 9783847704065


    Quelle: https://literaturkritik.de/jul…rauen-amazonas,25780.html